Austausch hilft die Welt besser zu verstehen

16.01.2006

Mainpost 16.1.2006

 

Austausch hilft die Welt besser zu verstehen

 

Schweinfurt/Oberspiesheim/Werneck (HH) "Aus den Augen aus dem Sinn" heißt es in einem Sprichwort. Bei Austauschschülern der weltweit größten Organisation AFS stimmt das nicht: Die jungen Leute, ihre Gasteltern- und -geschwister halten in der Regel den Kontakt. Dafür stehen drei aktuelle Beispiele.

Ronald Guzman (20) aus Puerto Ordaz in Venezuela war 2003/2004 ein Jahr Gastsohn der Familie Ziegler aus Werneck. Er hatte Zieglers beim Abschied das Versprechen abgerungen, dass die Familie ihn "unbedingt" in Venezuela besuchen muss. "Natürlich sagt man das so am Ende eines intensiven Aufenthaltes in einer Gastfamilie", sagt Roswitha Ziegler. Der Kontakt blieb aber per Mail und Telefon eng und tatsächlich: Die fünf Zieglers reisten im Sommer nach Venezuela. "Es war ein wunderschönes Wiedersehen", berichtete Lea Ziegler, die selbst mit AFS ein Jahr in Russland in Arzamas lebte und auch dorthin nach wie vor Kontakt zu ihrer Gastmutter Irina hat.

Ronalds Eltern und Geschwister nahmen die Wernecker Delegation herzlich auf, "so, als würden wir uns schon Jahre kennen", berichtet Mutter Roswitha Ziegler. Nach vier wunderbaren Wochen hatte man Ronalds Großfamilie und das Land kennen gelernt, die Gastfreundschaft genossen. Aus der Begegnung ist eine "tiefe Freundschaft geworden". Ronald wird schon bald wieder in einem Flieger nach Deutschland sitzen. Die Fußball-Weltmeisterschaft lockt. "Das Karussell der weltweiten Gastfreundschaft dreht sich also weiter", sagt Roswitha Ziegler.

Daria Purshewa stammt aus Russland. Die 21-Jährige verbringt seit ihrem Austauschjahr 2002/2003 jedes Jahr Weihnachten bei Familie Kaindl in Oberspiesheim. "Unsere eigenen Töchter Elisabeth und Marianne behandeln sie wie eine Schwester", berichtet Mutter Irene Kaindl. Und Daria genießt es "in Deutschland eine Familie zu haben, in der ich mich zu Hause fühle". In ihrem Austauschjahr hat die junge Russin angefangen, das Skifahren zu lernen. "Dieses Jahr war ihr dritter Winter in den Bergen und sie fährt inzwischen mit viel Freude und sehr sicher", erzählt Irene Kaindl. Eine ganze Woche lang hatten alle "viel Spaß".

Auch Kaindls sind AFS-Familie: Tochter Marianne lebte 2001/2002 bei einer türkischen Familie in Izmir. Zu ihrer Gastfamilie und ihren Freunden hält die Oberspiesheimerin "liebe Kontakte". Im zurückliegenden Sommer war Marianne sogar zur Hochzeit ihrer besten türkischen Freundin Dilek eingeladen. Leider klappt es aus Termingründen nicht. Chareen, eine andere AFS-Austauschschülerin aus USA, die wie Marianne ein Jahr in der Türkei lebte, hat sie kürzlich gefragt, ob sie ihre Trauzeugin machen wolle. "AFS schafft tatsächlich nachhaltige internationale Kontakte", sagt Marianne.

Beispiel drei ist Annika Rinne. Die 18-jährige Finnin aus Pori nutzt die Möglichkeit der Ryan-Air-Billigflüge und besuchte bis gestern schon zum dritten Mal ihre Schweinfurter Gastfamilie Helferich, wo sie 2004 lebte. Und erneut kam es zu einer internationalen Begegnung. Beim letzten Treffen im Sommer 2005 lernte sie die zu dieser Zeit bei Helferichs lebende Jelena Djordjevic aus Boston/USA kennen. Die 19-jährige Amerikanerin ist mittlerweile heimgekehrt und studiert in Philadelphia. Aktuelle Gasttochter ist Amy Stiegler aus Madison/Wisconsin, die wie Jelena einst das Humboldt-Gymnasium besucht. Mit Annika aus Finnland verstand auch sie sich sofort problemlos. "Ich komme so gerne, weil ich meine deutsche Familie wiedersehen möchte und weil ich hier so viele Freunde gefunden habe", sagt Annika. Tatsächlich hält die junge Finnin, vor zwei Jahren Celtis-Schülerin, sehr enge Mail-Kontakte zu ehemaligen Mitschülern.

Amy Stiegler wird im Februar nach einem halben Jahr wieder heim fliegen, um kein Schuljahr zu verlieren. "Ich würde aber lieber noch bis zum Sommer bleiben", teilt sie die Meinung von Annika, die ein Jahr Aufenthalt "eigentlich für nötig hält". Alles sei anfangs neu. Um Sprache, Kultur, Land, Leute und Gewohnheiten "richtig kennen zu lernen, genügen sechs Monate nicht", sagt sie.

"Für mich ist der AFS-Grundgedanke - andere Völker kennen lernen, um sie besser zu verstehen - ausschlaggebend für meinen Einsatz. Die jungen Leute sollen die Möglichkeit erhalten, Verständnis und Toleranz zu erlernen", sagt Marita Helferich. Sie genießt es, wenn nicht nur die Freunde der Söhne, sondern auch noch die der Gasttöchter zuhause am Tisch sitzen. "Oft sind da fünf, sechs oder mehr Nationen versammelt, das baut Vorurteile ab", sagt sie. Ihr Sohn Jonathan verbrachte 2002/2003 ein Schuljahr in den USA. Im Sommer war die US-Gastfamilie aus St. Louis in Schweinfurt, diesen Sommer wollen die Eltern der Finnin kommen. "Jeder in der Familie hat letztlich etwas von einem gelebten Austausch", meint die bereits dreifache Gastmutter Marita Helferich. Auf jeden Fall helfe der Austausch, "die Welt besser zu verstehen", sagt Annika und Amy aus den USA nickt zustimmend.

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