Blumige Verse zur Erinnerung

22.02.2007

Mainpost 22.2.2007

 

Blumige Verse zur Erinnerung

 

ZEILITZHEIM Als „Mädchenkram“ werden Poesiealben heute abgetan. Früher war das keineswegs so. Es war üblich, dass sich auch Männer blumige Worte schrieben, um sich gegenseitig ihre Freundschaft zu versichern. Ein schönes Stück aus der Gattung „Poesiealbum“ hat die Familie Rettner aus Zeilitzheim in ihrem Besitz. Kein Buch, wie heute gebräuchlich, sondern eine Lose-Blatt-Sammlung, die in einer Art Karton aufbewahrt wird. Ein sehr elegantes Stück, das auch nach fast 200 Jahren noch etwas her macht.

 

 

Es ist schwarz-lila marmoriert und in Lack-Optik gehalten. An der einen Seite sind Bänder angebracht, um es zu verschließen. Innen ist es grün gefasst. Die kräftige Farbe bildet einen Kontrast zu dem dunklen Äußeren. Eine besondere Note verleiht den darin aufbewahrten, an sich schlichten, rechteckigen, etwa zehn mal 20 Zentimeter großen Blättern, der zarte Goldrand, der sie umgibt.

Kreisarchivpfleger angetan

Besonders angetan ist Kreisarchivpfleger Hilmar Spiegel von der Schrift. „Sie ist wunderschön“, schwärmt er. Mal ist sie klein, mal groß, mal gleichmäßig, mal ungleichmäßig, aber immer verschnörkelt.

Geschrieben sind die zum Teil selbst verfassten Verse und Gedichte in deutscher Schrift und – bis auf ein französisches Gedicht – in deutscher Sprache. Sie sind von der Wortwahl, wie vom Inhalt her, sehr opulent und für heutige Begriffe etwas pathetisch, aber typisch für die Zeit.

Die älteste Widmung vom 22. Oktober 1818 lautet: „Als Du geboren warst, freute man sich und Du weintest. Lebe so, daß, wenn Du stirbst, man um Dich weint und Du Dich freuen kannst – in freundschaftlicher Erinnerung von Deinem Freund Chris.“

1823 schrieb Philipp Roeder: „Alles ist Staub. Bleibende Glückseligkeit ist nur jenseits des Grabes. Trennung ist unser Los. Wiedersehen unsere Hoffnung. Wahre Freundschaft endet nie. Die Liebe bessert stets. Unter allen Blumen im Thale der Jugend blüth am schönsten die Blume der Freundschaft – Erinnere Dich bey überlesen dieser Zeilen auch in der Ferne an Deinen treuen Freund Philipp Roeder, Schweinfurt 19. Oktober 1823.“

Gerichtet sind die Texte an Heinrich Schneider aus Schweinfurt, dem Ur-Urgroßvater von Otmar Rettner. Geschrieben wurden sie zwischen 1818 und 1824.

„In dem Album gibt es keinen Vermerk, wem es gehört hat. Nur auf einem Blatt steht die Anrede 'Lieber Schneider'. Das passt zu dem, was Otmar Rettner mir über seinen Vorfahren erzählt hat. Er stammte aus einer angesehenen, wohlhabenden Schweinfurter Fuhrunternehmersfamilie“, erläutert Hilmar Spiegel, der zur Zeit die Texte überträgt.

Jünger als das Album des Zeilitzheimers ist das von Mathilde Schwab aus Vögnitz (geb. 1873, gest. 1939). Die Einträge entstanden zwischen 1890 und 1912 und sind allesamt von Frauen. Auf der rechten Seite stehen die Sprüche, die ebenfalls in deutscher Sprache und mit geschwungener Schrift verfasst sind. Die Überschriften lauten zum Beispiel „Zum ewigen Andenken“, „Album“, „Andenken“ oder „Zur Erinnerung“. Unter den Texten steht der Name der Verfasserin. In die linke Ecke wurden schräg der Ort und das Datum geschrieben.

Mit Bildern geschmückt

Die linke Seite ist jeweils mit Bildern geschmückt. Entweder sind sie gemalt oder es wurden bunte Glanzbilder eingeklebt. Vorherrschendes Motiv sind Blumen, vor allem verschieden farbige Rosen und Vergissmeinnicht, pur oder in Kombination mit Engeln, Körben, Tauben, Früchten, Fächern oder sich reichenden Händen. Eine orientalisch anmutende Schönheit klebte 1902 Juliane Levison aus Gerolzhofen Mathilde Schwab zum Andenken in ihr Album, das etwa so groß ist wie das von Heinrich Schneider.

„Idyllische Wunschwelt“

Im Gegensatz zu seinem Album ist das von Mathilde Schwab gebunden. Blickpunkt auf dem Buchdeckel ist das Immergrün mit blauen Blüten, ein Symbol für Treue. Umrahmt wird die Darstellung von geometrischen Mustern in Leder-Optik. Über dem Bild prangen die Lettern „Album“.

Wissenschaftler sehen die Wurzeln des Poesiealbums in den Stamm- oder Wappenbüchern des Adels. Später werden sie auch beim Bürgertum populär und es entwickeln sich allmählich daraus die „Erinnerungsbüchlein“. „Die Texte in den Alben lassen nun eine scheinbar unberührte idyllische Wunschwelt entstehen, in der Glück, Frieden und ausgleichende Harmonie tragende Elemente bilden. Redliche Tüchtigkeit, edelmütige Tugend, Genügsamkeit und Ergebenheit in das Schicksal werden in tiefgründige oder schlichten Texten eingefangen“, schreibt Helma Hörath in einer Abhandlung über das Poesiealbum.

Wie sie ausführt, reagiert die Bilderindustrie schnell auf diesen Trend und bringt als Massenprodukte zum Teil handkolorierte Radierungen mit beigefügten Reimsprüchen, später auch Lithographien oder Stahlstiche auf den Markt.

Um 1860 kommen mit der Weiterentwicklung der Druckindustrie Oblaten oder Stammbuchbilder auf. Diese Glanz- oder Lackbildchen gehören von da an zur Standardausstattung der Alben. Heute sind sie begehrte Sammlerstücke.

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