Chronist Lindachs und der Welt

20.11.2015

Mainpost, 20.11.2015

 

LINDACH

Chronist Lindachs und der Welt

Josef Dotzel: Seit 70 Jahren füllt der 86-Jährige ein Heft um das andere mit Notizen über die Ereignisse im Dorf und drum herum. Ein Eintrag handelt davon, wie er als 16-Jähriger um sein Leben flehte.

Der Chronist: Josef Dotzel schreibt auf, was in Lindach und der Welt passiert.

Josef Dotzel bezeichnet sich selbst als Privatchronist. Seit über 70 Jahren führt er inzwischen emsig und eisern Buch über die Ereignisse in Lindach im Speziellen, aber auch in der ganzen Welt. Tagaus, tagein, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Als 16-Jähriger hat er 1945 mit den Kriegsaufzeichnungen begonnen. Das Schreiben hält ihn jung und geistig fit. Seine 86 Lenze sind dem Lindacher Original nicht anzusehen und der Geist ist hellwach.

Nicht zuletzt örtliche Vereine profitieren von seinem Wissensschatz, wenn sie etwa bei Jubiläen mangels eigener Chronik auf die schriftlichen Aufzeichnungen und die lebendigen Erinnerungen des Dotzels Sepp zurückgreifen können. Der sitzt unverzagt jeden Tag zwei Stunden am Schreibtisch, um all das für sich und die Nachwelt aufzuschreiben und gegebenenfalls mit gefälligen Zeichnungen zu illustrieren, was ihm interessant und wichtig erscheint.

Angefangen hat alles, wie erwähnt, bei dem Lindacher mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Bis hin zum Kriegsausbruch durch den Überfall Hitlers auf Polen am 1. September 1939 hat Josef Dotzel schließlich den Kriegsverlauf und alles was zur Zeit des Nationalsozialismus dazu gehört, nachgetragen.

Von der Mobilmachung für den Polenfeldzug ist auch sein Vater Johann betroffen. Aus Altersgründen 1941 aus der Wehrmacht entlassen, wird dem bereits über 40-Jährigen 1943 von den braunen Machthabern sowohl der Posten des Volkssturmführers als auch des Feuerwehrkommandanten übertragen.

So kommt der Filius zur Ehre, mit zwölf Jahren im Dorf als Hornist und jüngster Feuerwehrmann zu den Übungen blasen zu dürfen. Und natürlich muss er schon während des Kriegsdienstes des Vaters, aber auch danach daheim auf dem Bauernhof nach der Schule fest mit anpacken. Da ist die Welt aber fern der Front trotz der Einschränkungen und auch zunehmenden Luftangriffe auf Schweinfurt noch einigermaßen in Ordnung. Das soll sich mit dem Kriegsende ändern.

Sein schlimmstes Erlebnis

Es ist die Zeit, die gerade auch Josef Dotzel prägt. Vor allem ein Ereignis hat sich tief in sein Gedächtnis eingegraben. Es ist sein schlimmstes Erlebnis überhaupt, wie er sagt. Die Amerikaner stehen im April 1945 bereits an der Mainschleife und rücken auch auf Lindach vor.

Als zwei SS-Leute, die sich als Beobachter auf dem Kirchturm verschanzt haben, ihren Posten für kurze Zeit verlassen müssen, weil die eigene Flak auf Geheiß der Befehlshaber das Feuer auf das Dorf eröffnet, um die eine kampflose Übergabe fordernde Bevölkerung in die Schranken zu weisen, nutzt Josef Dotzel die Chance.

Trotz der Gefahr steigt er die Treppen hinauf und befestigt an der Stange, an der sonst die Hakenkreuzfahne zum Fenster hinaushängt, die mitgebrachte, aus zwei Betttüchern zusammengeknotete weiße Fahne. Als die beiden SS-Soldaten zurückkehren und die Fahne am Kirchturm erblicken, sind sie außer sich. Umgehend machen sie sich auf die Suche nach dem oder den „Verrätern“.

Plötzlich stehen die Soldaten im Hof der Dotzels. Es ist am 12. April 1945 um 17.15 Uhr. Josef Dotzel weiß es so genau, da es sein 16. Geburtstag ist. Einer der beiden jungen SS-ler setzt ihm den Lauf des Maschinengewehrs auf die Brust und schiebt ihn so vor sich her. Zum ersten und letzten Mal gebraucht Josef Dotzel in seinem Leben eine Notlüge, wie er fast entschuldigend beteuert. „Ich war's nicht“, fleht er weinend und verzweifelt um sein junges Leben. Dann sagt der andere Kamerad den Satz, den Josef Dotzel nie vergessen wird, und der sein Leben rettet: „Gerd, lass den Kerl jetzt mal in Ruhe, wir müssen wieder auf den Turm.“

Bilder, die sich eingeprägt haben

Es ist um diese Zeit, als deutsche Soldaten versuchen, einen auf Lindach von Stammheim her vorrückenden US-Stoßtrupp an dem Wald im Bereich Hasenpfad/Winterleiter aufzuhalten. Bei dem Feuergefecht werden unter anderem ein US-Soldat und ein ausländischer Kriegsgefangener getötet, der auf dem Hof eines Bauern in Stammheim als Zwangsarbeiter eingesetzt war und den Amerikanern den Weg zeigen wollte.

Bestimmt acht Tage lang liegen die beiden Toten am Hasenpfad. Ihr Anblick geht Josef Dotzel bis heute nicht aus dem Kopf wie zum Beispiel auch das Bild vom „lichterloh brennenden Würzburg“ am 16. März 1945. All diese Dinge sind natürlich Bestandteil seiner Kriegs-Chronik.

Die ist allerdings nicht mehr vollständig. Beim Hausbau in der Lindenstraße in der Nähe von Kindergarten und Kirche Anfang der 1950-er Jahre gingen sechs der acht geführten Schulhefte verloren. Die beiden übrigen Kladden zeigen minutiös den Kriegsverlauf auf. 20 Seiten füllen allein sämtliche Feldzüge. Auch die Namen aller NS-Hoheitsträger können darin genauso nachgelesen werden, wie die Namen der Generäle oder Konzentrationslager.

Seit 70 Jahren führt er nun schon, wie erwähnt, seine private Chronik. An die 15 Bücher sind inzwischen zusammengekommen. Olympiaden, Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften sind darin ebenso verewigt wie die beiden Irak-Kriege oder der Urknall, um nur einige Beispiele zu nennen, und natürlich ganz viel Lokalkolorit aus Lindach und der Umgebung. Dazu zählen die fein säuberlich aufgelisteten Generationen von Hausbewohnern im Dorf und vieles, vieles andere mehr.

Überhaupt: Was Josef Dotzel im Leben anfängt, das führt er auch zuverlässig zu Ende. Das Führen seiner Chronik-Hefte ist nur ein Beispiel. Mit seiner Elsa, einer geborenen Ott aus Lindach, geht er seit 63 Jahren durch Dick und Dünn. Drei Buben und ein Mädchen und inzwischen neun Enkel vervollständigen das Familienglück.

Zwölf Jahre betrieb das Paar nach dem frühen Tod von Dotzels Eltern noch bis 1964 gemeinsam die Landwirtschaft. Dann wechselt Josef Dotzel als Fabrikarbeiter zum Kufi, der Firma Kugelfischer, in die Industrie nach Schweinfurt. Er weiß noch, wie er und seine Frau sich damals über die ersten „280 Mark Schuss“ freuten. 1991 geht er in Rente.

„Bete, arbeite und mache Urlaub“

35 Jahre lang ist Josef Dotzel Kassier beim Johanniszweigverein, dem Träger des Kindergartens. Bei der Feuerwehr ist er 40 Jahre aktiv und noch 30 Jahre lang passives Mitglied. In den Dienst der Flurbereinigungs-Teilnehmergemeinschaft, die auch für die Dorferneuerung verantwortlich zeichnet, stellt er sich 36 Jahre lang von 1976 bis 2012 als 2. Vorsitzender. 20 Jahre spielt er, der daheim auch immer wieder gerne zur Mundharmonika greift, bis 1964 in der Dorfkapelle die Trompete.

Josef Dotzels Lebensmotto lautet übrigens: „Bete, arbeite und mache Urlaub zur rechten Zeit, dann hast du was vom Leben und was getan für die Ewigkeit!“ Er ist bis heute gut damit gefahren.

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