Den Verfall gerade noch gestoppt

11.05.2006

Mainpost 11.5.2006

 

Den Verfall gerade noch gestoppt

 

Herlheim Die Außenfassaden sind fast schlossähnlich dominant, ebenso das Eingangsportal zum Haupthaus. Im vorgelagerten Bauerngarten blüht der Flieder, im Vorhof eine mächtige Kastanie, eine Kulisse wie aus dem Heimatfilm. Doch der einstige Brauereigasthof "Zum Hirschen" war schon fast dem Verfall preisgegeben, das umgebende Gelände mehr oder weniger ein Abstellplatz für allen möglichen Unrat. Heute bildet das barockisierte Anwesen einen unausweichlichen Blickfang für alle, die von Brünnstadt her ins Dorf kommen.

 

Zu danken ist diese Rettung vor dem Verfall Renate und Edwin Graf. Die beiden haben das Anwesen 1998 gekauft, das vorher von einem Schausteller als Deponie genutzt worden war. Für ihr Engagement bei der Sanierung des Brauereigasthofs erhielten die beide, wie gestern im Frankenteil dieser Zeitung berichtet, einen Förderpreis des Bezirks Unterfranken zur Erhaltung historischer Bausubstanz, der mit 25 000 Euro dotiert ist.

Praktischer Kaufgrund

Der Kauf der alten Gemäuer 1998 hatte für die Grafs erst einmal einen praktischen Grund. Sie wollten sich nur einen direkten Zugang von ihrem Anwesen in der Ortsmitte zur ehemaligen Raiffeisenhalle verschaffen, die sie ebenfalls gekauft hatten und als Maschinenhalle nutzten.

Erst erwarben sie nur ein Teilstück, dann bekamen sie den ganzen Rest, drunter das Gasthaus mit Kegelbahn angeboten. Jetzt fing das große Sanieren an. Als erstes entrümpelten die Grafs die mit Müll vollgepferchten Räume, reparierten das undichte Dach und die Dachrinnen. Aber das war bis dahin nur Stückwerk. Den Anstoß zur grundlegenden Sanierung gab der Schwager der Grafs, ein Tünchermeister. Er wehrte sich dagegen, die Fassade nur provisorisch auszubessern, sondern wollte gleich ganze Arbeit leisten. Also wurden die Außenwände gründlich abgeklopft und komplett neu verputzt.

Von Grund auf saniert

Die von Witterungseinflüssen stark zerfressenen Sandstein-Fensterbänke sanierten Renate und Edwin Graf ebenfalls. Auch innen erhielten die Räume einen neuen Anstrich. Dicke Risse in der Mauer wurden geschlossen. Die Fußböden aus Holzdielen befreiten die eifrigen Sanierer von einer Speckschicht. Die Toiletten kamen an einen ganz neuen Ort. Dann statteten die Grafs die Räume mit historischem Mobiliar aus ihrem Besitz aus und schafften Bestuhlung für rund 70 Gäste an.

Die Räumlichkeiten, die nun ein behaglich-rustikales Ambiente verströmen, sollen nämlich wenigstens zeitweise wieder genutzt werden wie früher - als Gaststätte. Dazu haben die Grafs sich eine Gaststätten-Konzession besorgt. Weil die alte Lizenz aber schon über 20 Jahre lang abgelaufen war, war das gar nicht so einfach.

Veranstalter von Familienfeiern können den alte Brauereigasthof nun mieten. Für Speis und Trank müssen sie allerdings selbst sorgen, es sei denn, es geht nur um kleinere Sachen wie Kaffee und Kuchen. Über 150 000 Euro haben die Grafs an finanziellen Mitteln in die alten Gemäuer gesteckt, die umfangreiche Eigenleistung planerischer und handwerklicher Art gar nicht mitgerechnet. An eine finanzielle Förderung durch Zuschüsse war nicht zu denken, da das Anwesen als "vergessenes Baudenkmal" erst in die Denkmalliste nachgetragen wird.

"Ohne das große Engagement der Familie Graf, trotz fehlender finanzieller Unterstützung durch Dritte, wäre das überregional bedeutsame Anwesen verloren gegangen", begründete Klaus Nitzschner von der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt Schweinfurt die Einreichung des Herlheimer Projekts für die Preisvergabe.

Im zweiten Anlauf

Mit dem Preis hat es jetzt im zweiten Anlauf geklappt (im Vorjahr kam ein Objekt aus Stadtlauringen für den Landkreis Schweinfurt zum Zug). "Wir sind überglücklich, dass wir jetzt die Preisträger sind, wir hatten nicht mehr daran geglaubt", kommentiert Renate Graf die frohe Botschaft, die Bürgermeister Horst Herbert überbrachte.

Stolz sind die beiden, dass am Dienstag in ihrem Haus die Preisverleihung für alle unterfränkischen Preisträger stattfand, auch wenn sie eher nebenbei davon erfuhren, dass sie die Gastgeber sein sollen. "Sie wissen ja, dass wir das bei Ihnen machen", zitiert Renate Graf den Bezirksheimatpfleger Dr. Klaus Reder.

"Obwohl wir mal Urlaub nötig hätten, denn wir haben die ganzen Jahre über nichts gehabt, werden wir jetzt nicht mit dem Geld in die Ferien fahren", sagt Renate Graf. Ganz im Gegenteil, die 25 000 Euro fließen wieder in den alten Brauereigasthof. Die 22 Fenster auf der Wetterseite des Hauses warten auf Erneuerung, und die ist jetzt gesichert.

Daten & Fakten

Der Brauereigasthof "Zum Hir-
schen" in Herlheim ist ein statt-
liches Eckanwesen mit Krüppel-
walmdach auf dem Haupthaus, das
im Kern vor 1677 errichtet worden
sein muss. Um 1670 bis zur Säkula-
risierung 1803 war es als Brauhaus
mit Herberge im Besitz des Klos-
ters Ebrach. 1718 erfolgte die Ba-
rockisierung. Das eigentlich Brau-
haus wurde 1933 abgebrochen. Für
kurze Zeit war das Anwesen im
Besitz der Dingolshäuser Brauerei
Hümmer, die aber in Konkurs ging.
1998 kauften es Renate und Edwin Graf.

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