Der Lehrpfad, die Besen und die Mülltonne

26.05.2015

Mainpost, 26.05.2015

 

STAMMHEIM
Der Lehrpfad, die Besen und die Mülltonne

Stammheimer entwickelten viel Kreativität gegen rechts – Hoher Organisationsaufwand am Pfingstsonntag

Einen Riesenaufwand erforderte die Organisation des Widerstands gegen rechts am Pfingstsonntag. So schafften es die Stammheimer, binnen weniger Stunden, einen „Lehrpfad für Rechte“ einzurichten, bei dem sie die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes auf buntes Papier druckten und damit Straßenlaternen und Bäume plakatierten. „Diese Idee ist uns am Pfingstsonntag früh um 4 Uhr gekommen“, berichtete Burkhard Krapf, der Koordinator des Runden Tischs. Den Marschweg der Rechten begleiteten bunte Kreidezeichnungen auf fast allen Gehwegen und Straßen. Rund 70 Stammheimer seien an den Aktionen beteiligt gewesen.

Äußerst pfiffig auch eine andere Idee. Als sich der Umzug der rund 60 Neonazis dem Ende näherte, reihten sich zahlreiche Stammheimer hinter dem Ring der Polizei ein. Sie waren mit Mülltonnen, Besen und Transparenten ausgerüstet. Mit ihren Besen kehrten sie symbolisch den „braunen Dreck“ von der Straße und warfen ihn in die Tonne. Die Idee dazu hatte Bürgermeister Horst Herbert.

Gescheiterter Versuch Hoffmanns

Viele Stammheimer trugen an diesem Tag das T-Shirt „Stammheim ist bunt“. Das wollte im Vorfeld Rechtsextremist Karl-Heinz Hoffmann verhindern. In einem Schreiben vom 21. Mai an die Polizeiinspektion Gerolzhofen führte er aus, dass durch die einheitlichen Shirts „zweifellos eine gemeinsame politische Gesinnung“ zur Schau gestellt werde, was gegen das Versammlungsgesetz verstoße. Von der Polizei forderte er für Leute, die das T-Shirt tragen, Personalienfeststellung, Fotodokumentation und Sicherstellen von materiellen Beweisstücken. Falls das nicht geschehe, drohte Hoffmann mit rechtlichen Konsequenzen.

Als „absolut unzutreffend und falsch“ bezeichnet das Landratsamt Hoffmanns Argumentation. Unter Hinweis auf verschiedene Gerichtsurteile sagt die Behörde, in der Rechtssprechung sei allgemein anerkannt, dass das Tragen gleichartiger Kleidungsstücke als Ausdruck einer gemeinsamen Gesinnung für sich allein genommen dem Verbot im Versammlungsgesetz noch nicht unterliege. Es gehe in dem Verbot um Kleidungsstücke mit einschüchternder, aggressiver und militanter Wirkung. Damit hätten die Stammheimer T-Shirts nichts zu tun. Sie haben ein farbenfrohes Erscheinungsbild, eine Einschüchterung könne von ihnen nicht ausgehen.

Auch Margit Endres, Leiterin der Dienststelle Gerolzhofen, signalisierte den Aktiven in Stammheim, dass sie ihre T-Shirts tragen können. Die Inspektion Gerolzhofen fuhr an diesem Sonntag übrigens wie viele andere Polizeieinheiten Sonderschichten.

Die Polizei zeigte insgesamt starke Präsenz. Neben den Kräften im Ort waren auch zahlreiche Eingreifreserven an den Dorfrändern zu sehen.

Für die Stammheimer gab es auch viel Unterstützung aus der Umgebung. Bei der ökumenischen Andacht waren viele Auswärtige dabei. Die Politik war vom Innenstaatssekretär Gerhard Eck über Landrat Florian Töpper und seine Stellvertreterin Christine Bender bis hin zum Gerolzhöfer Bürgermeister Thorsten Wozniak vertreten. Auch alle maßgeblichen demokratischen Parteien waren mit Delegationen, teils mit Spruchbändern gekommen.

Feuerwehren regeln Verkehr

Bei der reibungslos verlaufenen Organisation halfen die Feuerwehren aus Lindach, Unterspiesheim und Gernach ihren Stammheimer Kollegen bei der Verkehrsregelung und Einweisung für Hunderte von Gottesdienstbesuchern.

Fast die ganze Woche im Vorfeld war der Bauhof der Gemeinde Kolitzheim mit der Vorbereitung des Pfingstsonntags beschäftigt, berichtet Leiter Robert Herbig. Die Mitarbeiter mussten für den Sonntag unter anderem eine Beschilderung fürs Parkverbot aufstellen. Die eigenen Schilder reichten dazu nicht, so dass sich die Kolitzheimer weitere beim Stadtbauhof und beim Kreisbauhof in Gerolzhofen ausliehen.

Außerhalb des Ortes wurden drei große Parkflächen präpariert, eine auf einer Wiese Richtung Gaibach, am alten Sportplatz und an der Anlegestelle am Main.

Das Bayerische Rote Kreuz war mit einem Einsatzwagen vor Ort, weitere standen im Hintergrund bereit.

Norbert Finster

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