Der rechte Spuk scheint vorbei

26.11.2015

Mainpost 26.11.2015

 

STAMMHEIM

Der rechte Spuk scheint vorbei

och bevor sie ein Wort über den Widerstand der Stammheimer gegen die Ansiedlung der Neonazi-Partei „Die Rechte“ erfahren hatten, waren die rund 20 Delegierten der Herbstsynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern von dem Winzerort beeindruckt. Verantwortlich dafür waren die vielen Banner, Flaggen und Transparente, die die Synodalen schon bei der Einfahrt in den Ort darauf hinwiesen, dass Stammheim bunt ist.
Die Delegation der Landessynode nahm zunächst das Anwesen in der Ortsmitte in Augenschein, in dem „Die Rechte“ ihre Parteizentrale einrichten wollte. Die Betonung liegt auf wollte, denn Bürgermeister Horst Herbert sagte gleich zu Beginn, dass die Nutzungsuntersagung für das Gebäude als Tagungsort durch das Landratsamt Schweinfurt vor dem Verwaltungsgericht Würzburg standhielt.
„Wir können uns erst einmal ein bisschen zurücklehnen“, sagte Herbert, auch angesichts der Tatsache, dass sich seit Wochen von den unerwünschten Mietern niemand mehr in Stammheim blicken ließ.
Landrat Florian Töpper bezeichnet den Widerstand inzwischen als „Stammheimer Weg“. Wesentlicher als die Maßnahmen von Behörden war in seinen Augen der zivile Widerstand. „Ich werde den Pfingstsonntag nicht vergessen“, sagte Töpper und spielte damit auf die weit über 1000 Menschen an, die zum ökumenischen Gottesdienst kamen und sich den etwa 50 Neonazis entgegenstellten.

Perfides Spiel mit dem Leid

Das Angebot der Rechten, das Haus zur Unterkunft für Asylbewerber umzufunktionieren und diese unter die Betreuung des Rechtsextremisten Karl-Heinz Hoffmann zu stellen, bezeichnete Töpper als eine Provokation und ein perfides Spiel mit dem Leid der Menschen, die nach Deutschland fliehen.
Obwohl sich von den Rechten niemand mehr sehen lässt, hat sich das Bündnis „Stammheim ist bunt“ bis zur vergangenen Woche regelmäßig getroffen, berichtete Bündnissprecher Gerd Völk dann im wärmeren Musikerheim.

Der Widerstand in Stammheim sei deswegen so vehement gewesen, weil die Stammheimer in der Präsenz dieser Partei ihren Ruf geschädigt sahen und auch die Befürchtung hatten, dass die Rechten unter der einheimischen Jugend Nachwuchs rekrutieren könnten. „Stammheim wäre ihr einziger Versammlungsort in Bayern gewesen und da hätte es doch ständig rechte Veranstaltungen, Konzerte und Feste gegeben.“
Über den direkten Widerstand im Dorf hinaus hat das Bündnis auch Spenden aus Veranstaltungserlösen an Exit überwiesen, um Neonazis beim Ausstieg aus der Szene zu helfen. Wenn man gefragt worden sei, habe man auch außerhalb Stammheims geholfen, so etwa in Unterspiesheim bei der letzten öffentlichen Veranstaltung der Rechten mit ihrem Info-Stand im September.
Obwohl das Bündnis immer auf politischer Unabhängigkeit bestanden habe, sei doch Unterstützung von allen Seiten gekommen, so von Kirchen, Vereinen und Verbänden oder demokratischen Parteien. Schwierig sei es gewesen, den Spagat zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ zu schaffen. So kam Kritik, dass wegen dieser Kleinstpartei mit gerade mal 40 Mitgliedern viel zu viel Aufhebens gemacht werde, während andere forderten, dass noch mehr geschehen müsse.

Verständnisvoller Arbeitgeber

„Viel Arbeit ist liegengeblieben, aber ich habe einen Arbeitgeber, der Verständnis für mein Engagement hat“, berichtete Burkhard Krapf, der an der Spitze des Bündnisses steht, auf die Frage einer Synodalen, wie denn der Einsatz das normale Leben beeinflusst habe. Jedenfalls habe der Widerstand die Stammheimer Dorfgemeinschaft gestärkt. „Da waren plötzlich welche dabei, die man sonst in der Dorfgemeinschaft nie gesehen hat“, so Krapf.
Wie es mit dem Haus in der Winzerstraße weitergeht, konnte Bürgermeister Horst Herbert nicht beantworten. Die Eigentümerin scheine jedenfalls keine Verkaufsabsicht zu haben. Die Frage sei, inwieweit Karl-Heinz Hoffmann die Fäden im Hintergrund ziehe.
Persönliche Anfeindungen von rechts gab es gegen die beiden Hauptaktivisten des Widerstands nicht, berichteten Gerd Völk und Burkhard Krapf auf eine Frage des Nürnberger Regionalbischofs und Oberkirchenrats Stefan Ark Nitsche, der auch stellvertretender Vorsitzender der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg ist und ebenso wie Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel voll des Respekts für die Courage der Stammheimer war.
„So weit wie die Stammheimer schon nach wenigen Wochen waren, waren die Oberprexer erst nach fünf Jahren“, lobte Martin Becher (Bad Alexandersbad), Geschäftsführer des bayerischen Bündnisses für Toleranz. Auch im oberfränkischen Oberprex hatten Neonazis, das Freie Netzwerk Süd, bis zu ihrem Verbot eine Liegenschaft.

Über die Arbeit von „Schweinfurt ist bunt“ berichtete Frank Firsching. Kern des Widerstands einer Zivilgesellschaft sei es, entschieden, gemeinsam und kraftvoll vorzugehen.

Mitglieder der Synode hatten sich an diesem Dienstagnachmittag zu sieben verschiedenen Punkten in der Region Schweinfurt aufgemacht. Stammheim war auf Empfehlung von Marin Becher einer davon. Zum Sinn dieser Exkursionen sagte die Synodalpräsidentin gegenüber dieser Zeitung: „Wenn wir kirchenpolitische Entscheidungen treffen wollen, müssen wir zu den Menschen, um ihre Probleme wahrzunehmen.“

 

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