Die abenteuerliche Reise des Herlheimers Erich Kempf ans andere Ende der Welt

15.06.2020

Mainpost 15.06.2020

Herlheim

Die abenteuerliche Reise des Herlheimers Erich Kempf ans andere Ende der Welt

Wir schreiben das Jahr 1953: Im Alter von 20 Jahren beschloss der gelernte Zimmermann Erich Kempf nach Australien auszuwandern. Die Hin- und später auch Rückfahrt sowie die Arbeits- und Lebensbedingungen am anderen Ende der Welt beschrieb der Herlheimer ausführlich in seinem autobiografischen Bericht, den er seinen Kindern hinterließ.

Aus den Informationen aus Kempfs Bericht entstand dieser Artikel. Hier die Geschichte des Abenteurers: In Bremerhaven bestieg der junge Erich ein norwegisches Linienschiff, das zirka 1 000 Auswanderer nach Australien brachte. Sein Quartier war zusammen mit 100 Mann im untersten Deck in einem Raum mit dreistöckigen Betten. Die Fahrtroute ging durch den Ärmelkanal, durch die bewegte Biskaya und schließlich bei Nacht durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer. In Piräus wurden etwa 100 griechische Familien an Bord genommen. Dann ging es weiter durch den Suezkanal und das Rote Meer in den Indischen Ozean. Nach einem Aufenthalt in Colombo auf Sri Lanka war schließlich eines Tages die Westküste Australiens in Sicht. Endziel war Melbourne im Süden des Kontinents.

Eindrucksvolle Erlebnisse auf See

In den Wochen auf See gab es für den jungen Mann sehr eindrucksvolle Erlebnisse, wie er  in seinem Bericht schildert.  "Stundenlang stand ich an der Reling und beobachtete das für mich neue Element, das Meer", beschreibt er seine Faszination hierfür. Interessant war auch die Sicht auf das Land während so mancher Passage. So die weißen Kreidefelsen von Dover, die Lichter von Tanger und Gibraltar in der Dunkelheit oder die Wüstenlandschaft am Suezkanal. In Piräus und Colombo konnten die Passagiere das Schiff verlassen und Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen. So fuhr Erich mit der Bahn nach Athen und in Colombo genoss er die Fahrt mit einer Rikscha. Aber auch vor rauer See und Seekrankheit blieben die Auswanderer nicht verschont.

Nach einem kurzen Aufenthalt auf dem australischen Festland ging es für Erich Kempf auf die Insel Tasmanien. Dort wurde er bei einer staatlichen Firma angestellt, die Staudämme, Kanäle, Tunnel und Kraftwerke zur Stromerzeugung baute. Zusammen mit 800 Menschen aus mehr als 30 Nationen lebte er die ersten drei Jahre in einem Lager, Bronte Park, auf einer Hochebene von 800 Metern.

Hantieren mit Dynamit und ein tödlicher Unfall

Die Unterkunft für Junggesellen in einer kleinen Hütte war sehr spartanisch nur mit einem Bettgestell und einer Rohrheizung eingerichtet. Kleine Möbel schreinerte sich Erich selbst. Mit gutem Essen wurden die Arbeiter von einer Zentralküche aus gepflegt und "in einem Store gab es vom Werkzeug bis zur Zahnbürste alles zu kaufen", schildert Kempf. Die erste Arbeitsstelle des Auswanderers war an einer Staumauer von 30 Metern Höhe, die schon weitgehend fertig war. Es hatten sich bereits 15 Meter Wasser angestaut. Die Arbeiter nutzten die Mittagspause, um darin zu baden. Weitere Baustellen an Dämmen, Staumauern, Kraftwerken und Rohrleitungen folgten im Lauf der Jahre. Eine besonderes Abenteuer für den jungen Erich war die Arbeit an einem Tunnel, bei der er bei den Sprengarbeiten eingesetzt war. 18 Mann arbeiteten zusammen, bohrten Löcher in den Fels und legten Dynamitstangen hinein. Die Zünder wurden miteinander verbunden und so 150 Kilogramm Dynamit zur Sprengung gebracht. Dabei musste Erich auch einen Unfall erleben an dessen Folgen einer seiner Kollegen starb.

Natürlich gab es auch freie Zeit und diese nutzte der junge Auswanderer zusammen mit neu gewonnen Freunden (einer besaß einen Pkw) für viele unterschiedliche Unternehmungen. So genossen sie beim Durchqueren der Insel die wunderschönen Landschaften. Berge, Täler, Strände, fruchtbare, landwirtschaftlich genutzte Flächen, einfach alles war zu finden. Gleich mehrmals besuchte Erich Port Arthur, ein altes englisches Straflager, und stöberte dort in den alten Aufzeichnungen, aus denen die Delikte der Insassen hervorgehen. Auch auf eine fünfwöchige Festlandtour durch North-South-Wales und Queensland machte sich Kempf mit Freunden.

Ein Fluss macht Ärger

Bei ihrer Fahrt durch das Land sahen und erlebten sie viel Interessantes. So besuchten sie eine Goldmine im Tagebau und waren von riesige Weizen-, Zuckerrohr und Erdnussfarmen beeindruckt. Neben Melbourne, dem Ankunftshafen, besuchten sie auch die Städte Brisbane und Sydney. Auf der Fahrt nach Adelaide mussten die Reisenden wegen eines über die Ufer tretenden Flusses umkehren. "Das Wasser ist so schnell gestiegen, dass wir viel Glück hatten, dem Wasser zu entrinnen, es stand schon fast bis zum Einstieg des Ford," lauten seine niedergeschriebenen Erinnerungen. Da es weiter heftig regnete waren die Reisenden froh, wieder "nach Hause" zu kommen.

Ein ganz besonderes Erlebnis für den jungen Erich Kempf, der auch begeistert Sport betrieb, war 1956 der Besuch der Olympischen Spiele in Melbourne. Neben der Eröffnungsfeier fieberte er vor allem bei verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik und beim Radrennen mit.

Zurück nach Deutschland

Anfang 1958 beschloss Erich Kempf mit zwei Landsleuten nach Hause zu fahren, wobei eine spätere Rückkehr nach Tasmanien geplant war. Die sechswöchige Schiffsroute, diesmal komfortabel in einer Zwei-Mann-Kabine,  ging über Neuseeland und dann weiter über den Pazifik nach Tahiti. Dort wurden sie mit Blumenkränzen empfangen und "wir verbrachten 23 schöne Stunden auf dieser bezaubernden Insel".  Einer der Höhepunkte der Reise war dann die Durchfahrt durch den von Urwald umgebenen Panama-Kanal. Dann ging es im Norden an Südamerika vorbei und über den Atlantik bis Lissabon. Über Spanien und Frankreich erreichten die Rückkehrer auf dem Landweg schließlich Deutschland.

Mit Ida Seuffert aus Oberspiesheim fand Erich Kempf zwar die Frau fürs Leben, sie wollte allerdings nicht mit ans andere Ende der Welt. So blieb er in Deutschland. Erst 40 Jahre später besuchte Erich mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel seine alte Wirkungsstätte wieder.

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