Ein Brief von 1962 als Dokument der Zeitgeschichte

15.03.2021

Mainpost 15.03.2021

Gernach

Ein Brief von 1962 als Dokument der Zeitgeschichte

Ein Brief an die Gernacherin Angelina Weis, die 1960 als Krankenschwester nach Afrika ging, wurde nun der Gemeinde Kolitzheim gespendet. Er weckt viele Erinnerungen.

Schon lange wohnt Ingrid Henkelmann nicht mehr in Gernach, aber sie ist dem Ort immer noch herzlich verbunden, war doch ihr Gatte Erich Henkelmann der erste Bürgermeister nach der Gemeindereform. Die Reform führte 1978 die acht bis dahin selbstständigen Gemeinden Gernach, Herlheim, Kolitzheim, Lindach, Oberspiesheim, Stammheim, Unterspiesheim und Zeilitzheim zur Gemeinde Kolitzheim zusammen. Von 1978 bis 1996 hatte Erich Henkelmann das Amt des 1. Bürgermeisters inne. 1957 war er als Lehrer nach Gernach gekommen.

Auch an Ingrid Henkelmann erinnern sich noch viele Gernacher. Nach dem Weggang der Krankenschwestern im Jahr 1964 stand sie – als gelernte Krankenschwester – Familien mit Rat und Tat zur Seite, auch nachts.  

Entschluss war Dorfgespräch

Ingrid Henkelmann hat jetzt ein Dokument, das sie bisher "wie ihren Augapfel" gehütet hat, weitergegeben, weil sie es für ein erhaltenswertes Dokument der Zeitgeschichte hält: einen Brief aus dem Jahr 1962, den die damaligen Schüler der Gernacher Schule – angeregt durch ihren Lehrer Henkelmann – an Angelina Weis geschrieben hatten. Nach dem Tod von Altbürgermeister Henkelmann hatte Weis den Brief aus ihrem Besitz an Ingrid Henkelmann gegeben – als Erinnerungsstück an ihren Mann.

Angelina Weis, eine gebürtige Gernacherin, war 1960 als Krankenschwester in die Mission nach Uganda gegangen. Ein Entschluss, der damals in Gernach Dorfgespräch war. Die Main-Post berichtete über ihren Abschied, als sie sich auf den Weg nach Amsterdam machte. Von dort flog sie mit anderen Mitgliedern der Internationalen Frauengemeinschaft Gral nach Rom und von dort weiter nach Uganda. Ihr Neffe Peter Dziemballa, der als Schüler den Brief an seine Tante auch unterschrieben hat ("Extra Gruß von Deinem Neffen Peter"), hat die Zeitungsberichte aufgehoben.

Schon als Kind wollte Angelina Weis in die Mission gehen, aber den konkreten Anstoß zu diesem Entschluss gab ihr der Gral, dem sie 1959 beigetreten war. Der Gral, eine international anerkannte Gemeinschaft von Christlichen Frauen, wurde ihr spirituelle und menschliche Heimat. Das Ziel des Gral ist es, als Christinnen Frauen in den verschiedenen Kulturkreisen zu stärken und zur Verständigung durch einen Dialog zwischen den Kulturen und gegenseitige Unterstützung beizutragen.

Nach einer Vorbereitungszeit im Gral-Zentrum in Holland ging Angelina Weis in den Jahren 1960 bis 1964 und nochmals 1967 bis 1970 nach Uganda, um dort als Krankenschwester zu arbeiten – gegen ein Taschengeld als Entlohnung. Zwischen den Afrika-Aufenthalten und nach ihrer Rückkehr arbeitete sie als Krankenschwester an der Universitäts-Augenklinik in Würzburg.

 

Vor dem Kindergarten verabschiedet

In dem Bericht der Main-Post über ihre bevorstehende Abreise aus Gernach im Jahr 1960 ist zu lesen: "Schwester Angelina Weis, deren Wiege in Gernach stand verläßt ihre Heimat am 26. April, um in die Mission nach Zentral-Afrika zu gehen und in Uganda als Krankenschwester zu wirken. Heute ist es sehr selten geworden, dass man diesen Idealismus bei jungen Mädchen findet."

Ihr Neffe Reinhard Heck, damals vier Jahre alt war, weiß noch, wie seine Eltern versuchten, ihm diesen Abschied verständlich zu machen: "Tante Angelina geht nach Afrika, das ist ganz weit fort von Gernach und wenn wir morgen ein Flugzeug am Himmel sehen, dann sollen wir winken, denn Angelina schaut runter...". Erna Friedrich kann sich daran erinnern, dass Angelina damals vor dem Kindergarten verabschiedet wurde und viele Leute an diesem Abschied Anteil nahmen.

Lehrer Henkelmann schickte den Brief am 7. April 1962 ab. "Lang, lang ist's her" – so könnte man die spontane Reaktion vieler damaliger Schülerinnen und Schüler, die den Brief unterschrieben haben, zusammenfassen. Schließlich besuchten sie damals, vor knapp 60 Jahren, die vierte bis achte Klasse, waren also zwischen 10 und 14 Jahre alt. "Erich Henkelmann gestaltete eine Unterrichtsstunde mit dem Ziel, einen Brief an Angelina Weis zu schreiben. Im Unterrichtsgespräch wurden Ideen gesammelt, die der Lehrer dann an die Tafel schrieb", sagt Robert Back. Eine Schülerin, die für ihre schöne Schrift bekannt war, durfte den Brief fein säuberlich abschreiben, auf der Rückseite durften alle unterschreiben. Dann wurde der Brief auf die lange Reise nach Afrika geschickt.

Thea Egger erinnert sich an die Kleiderspenden, die gesammelt und nach Afrika geschickt wurden. Ihr Vater, Heinz Laarz, war der Verantwortliche für die Aktion 365. Er setzte sich dafür ein, dass Kleider und auch Geld nach Afrika zu Angelina Weis geschickt wurde. Es wurden auch Arzneimittel geschickt. Manche davon waren bei ihrer Ankunft verdorben, weil die Post zu lange brauchte. Agnes Misselwitz erinnert sich, dass damals viel Geld gespendet wurde.

Zeitverschiebung gegenüber Deutschland

Peter Dziemballa schrieb öfter an seine Tante. Die Briefmarken, die dann auf ihren Antwortbriefen klebten, waren für ihn ein wahrer Schatz, den er noch lange hütete. Ihr Neffe Reinhard Heck erinnert sich, dass es nur selten Telefonkontakte gab. Das Telefonieren war damals teuer und die Verbindungen instabil. Wenn denn telefoniert wurde, rief Angelina bei "Kaufmanns" (Erwin Nickel) an, und vereinbarte einen Telefontermin. Man musste die Zeitverschiebung (plus drei Stunden gegenüber Deutschland) berücksichtigen. In Erinnerung sind ihm auch die Geschenke, die Angelina hin und wieder aus Afrika schickte. "Das war für uns Kinder wie Weihnachten".

Im Jahr 1964 kehrte Weis für drei Jahre nach Gernach zurück. Ihr Neffe Reinhard Heck, damals neun Jahre alt, erinnert sich, wie seine Tante vom Frankfurter Flughafen abgeholt wurde. Gerne wäre er mitgefahren. Schon allein, um endlich einmal die Flugzeuge aus der Nähe zu sehen– und natürlich auch, um seine Tante willkommen zu heißen. Weil das Auto voll war, durfte von seinen Geschwistern nur seine Schwester Margarete mitfahren – weil Angelina ihre Taufpatin war.

 


 

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