Ein lebendiges Geschichtsbuch

03.04.2007

Mainpost 3.4.2007

 

STAMMHEIM

Ein lebendiges Geschichtsbuch

 

„Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfass schleudert!“ Mit diesen Worten warnte der 90-jährige preußische Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke schon 1890 im Reichstag vor einem neuen Krieg in Europa. 1914 war es soweit. Vier Jahre sollte der Krieg dauern und vielen Menschen den Tod bringen. Auch 17 Stammheimer fielen. Grund genug für das Museum für Zeitgeschichte, den Ersten Weltkrieg zum Thema beim Museumsfrühling zu machen.

Granateinschläge sind zu hören. Der enge Gang des Erdbunkers füllt sich schnell mit Rauch. Man kann kaum noch die Hand vor Augen sehen. Eine Gestalt rennt durch den weißen Qualm, springt in eine Stellung. Dann ist das sonore Geknatter des Maschinengewehrs zu hören. Und immer wieder der Einschlag von Granaten.

Wenig später löst sich der Qualm auf und somit auch die beklemmende Situation in Wohlgefallen. Ein Kameramann des Fernsehens filmt den Soldaten in seiner MG-Stellung. Und nachdem das Licht an der Kamera ausgeht, lehnt sich der Uniformierte lässig zurück an die Bohlenwand seines MG-Nestes. Alles ist wieder ruhig. In Stammheim nichts Neues. Nur ein weiteres, perfekt inszeniertes Kapitel aus dem lebendigen Geschichtsbuch von Museumsleiter Günter Weißenseel.

Psychische Belastung

Vor gut 90 Jahren, in den Stellungs- und Materialschlachten in Europa, war das anders. Da kam die Geräuschkulisse nicht vom Band und der Rauch von echten Granaten, nicht von einem Druck auf ein Knöpfchen an einem unscheinbaren Kasten auf der Wand. Die psychische Belastung für die Soldaten in den Bunkerstellungen, etwa vor Verdun, war hoch. So, wie es auch Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ beschreibt.

Verwundet an Körper und Seele

Auch 81 Stammheimer, so die Chronik, kämpften in diesem Ersten Weltkrieg. 17 von ihnen kamen nicht zurück. Und für die, die zurückkehrten in die Heimat, verwundet an Körper und Seele, war nichts mehr so, wie es vor dem europäischen Flächenbrand war. „Sie hatten dem Moloch des modernen Krieges in den Rachen geschaut“, verdeutlicht der Referent beim Auftakt des Museumsfrühlings, Hauptmann a. D. Wilhelm Pierau: „Die Technik besiegte den Menschen.“

Um das Geschehen von einst nachzustellen, haben sich viele so genannte Re-Enacter in Stammheim eingefunden. Historische Uniformen der ausgehenden Kaiserzeit bestimmen das Bild im Freigelände. „Vom bunten Rock zum Feldgrau“ ist das Motto des Museumsfrühlings. Hier wird ihm Leben eingehaucht. Soldaten mit geschultertem Karabiner patrouillieren zwischen historischer Stellung und modernem Campingwagen. Vor den Zelten sitzen Herren im Drillich zusammen und essen und trinken aus dem Feldgeschirr. Offiziere in bunter Uniform flanieren mit eleganten Damen mit breitkrempigen Hüten. Schon Charles Dickens, so Pierau in seinem Referat, hatte einst gesagt. „Eine Uniform ist nur dann gut, wenn sie auch bei der Damenwelt gefallen kann.“ Günter Weißenseel verweist darauf, dass das Militär zur damaligen Zeit ohnehin einen viel höheren Stellenwert genoss: „Der bunte Rock war Ausdruck von Glanz und Gloria.“

In den Wirren des Krieges, so ergänzt Pierau, hat die moderne Technik dann den Menschen gezwungen, in der Erde Schutz vor seinen eigenen Erfindungen zu suchen. Der bunte Rock von einst wich dort praktischerweise dem Feldgrau, die glänzende Pickelhaube dem Stahlhelm.

Faible der Franzosen

Unter all den historisch Uniformierten fällt einer besonders auf. Pluderhose und Kopfbedeckung lassen eher an einen orientalischen Soldaten denken als an einen Franzosen. „Das ist die Uniform des 3. Zouave-Regiments“, erklärt ihr Träger: „Sie entstand in Anlehnung an die nordafrikanischen Kolonialtruppen. Die Franzosen hatten ein Faible für alles Exotische.“

Der Franzose ist Amerikaner. George Ruler hat in Regensburg studiert, eine Deutsche geheiratet und arbeitet heute als Fernsehtechniker in Mannheim. Seit er zwölf Jahre alt ist, fasziniert ihn die Geschichte. „Lesen befriedigt nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann will man auch das Gefühl haben, näht sich Uniformen und trägt sie“, erklärt er seine Motivation für das Re-Enactment: „Wenn man tagelang mit 35 Kilogramm Feldgepäck unterwegs ist, nicht duscht und nicht im Hotel übernachtet, dann kommt man näher an die Sache heran.“ Nur dann, so der 58-Jährige, könne man begreifen, was einst die „richtigen“ Träger der Uniform empfunden haben müssen. „Viele“, so sagt Ruler nachdenklich, „die heute hier in Uniform herum laufen, sind durch ihr Hobby Pazifisten geworden.“

„Heute schießen wir mit original Pulverladung und Mehlsäckchen“

Wili Götz

George Ruler lebt Geschichte. In seiner Uniform hat er bereits bei Fernsehproduktionen mitgewirkt. Da muss alles stimmig sein. Alles, bis auf ein Kleinigkeit. „Das einzige Plastik, das ich mir gönne, ist die Folie um mein Schwarzbrot“, schmunzelt er: „Ist zwar nicht authentisch, aber sonst wird es zu hart.“

Plötzlich ein lauter Knall. Keine 100 Meter weiter haben Willi Götz und Ulrich Horwedel ein Feldgeschütz abgefeuert, wie anno 1870. „Damals wurde mit Schrapnell gefeuert“, erläutert Götz: „Heute schießen wir mit der original Pulverladung und Mehlsäckchen.“ Da qualmt es mächtig aus der Rohrmündung.

Gebaut wurde das Geschütz von Ulrich Horwedel. „Böller Uli“ nennen ihn seine Freunde von der Darstellungsgruppe Süddeutsches Militär. Wenn er nicht gerade in Sachen Re-Enactment unterwegs ist, schießt er Salut oder gibt auch schon mal einen Startschuss. Die Lafette hat Horwedel selbst gebaut, die Ladestöcke eigenhändig gedrechselt, das Rohr hat er sich in Heilbronn gießen lassen. „Mit einer Kanone ist es wie mit einer Frau“, sagt der „Böller Uli“ fast schwärmerisch und streicht mit der Hand über das schwarze Rohr: „Die Proportionen müssen stimmen.“

Geschichte wird greifbar

Stimmen tut an diesem Wochenende von Stammheim auch das Wetter. Entsprechend viele Besucher kommen an den beiden Tagen, um George Ruler, „Böller Uli“ und die Anderen in Aktion zu erleben. „In diesem Museum wird Geschichte greifbar, einschließlich Krieg und Tod.“ So sagt es Kolitzheims zweiter Bürgermeister Rudolf Bender beim Festakt zur Eröffnung des Museumsfrühlings. Und zum Schluss seiner Ansprache meint er: „Von hier soll die Botschaft Frieden ausgehen. Ich wünsche ihnen die Eindrücke, die sie brauchen, um eine gute Zukunft zu gestalten.“

Zu den News