Ein Schuss Spekulation spielte mit

29.10.2018

Mainpost, 29.10.2018

STAMMHEIM

Ein Schuss Spekulation spielte mit

Für Winzer Michael Scheller hat sich die lange Zeit des Wartens, Hoffens und Bangens gelohnt: Bereits zu Beginn der in diesem Jahr außergewöhnlich frühen Weinlese im August spielte der Stammheimer Winzer mit dem Gedanken, bei seinen Rieslaner Weintrauben auf eine Auslese beziehungsweise Beerenauslese zu spekulieren.

Ständige Beobachtungen

Nach dem Motto „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ ließ Scheller die Trauben hängen. Ständige Beobachtungen bestärkten ihn in der Folge in seinem Tun, sodass es schlussendlich noch besser kam als zunächst gedacht.

Vor wenigen Tagen konnte erstmals in der generationenübergreifenden Geschichte des familieneigenen Bocksbeutelweingutes eine Trockenbeerenauslese von der Lage „Stammheimer Eselsberg“ geerntet werden.

Ein Mostgewicht von mindestens 150 Oechsle ist notwendig, um den Wein als Trockenbeerenauslese bezeichnen zu dürfen, die normale Auslese muss demgegenüber mindestens 100, die Beerenauslese mindestens 125 Grad Oechsle an Mostgewicht aufweisen.

Stolze 175 Grad Oechsle standen bei der Ernte der Rieslaner Trauben von Michael Scheller letztlich zu Buche und damit 25 mehr als formal gefordert.

Palette von Aromen

Auch wenn der Eiswein (Minimum 125 Grad Oechsle) gemeinhin als „gefrorenes Gold“ bezeichnet wird, ist die Trockenbeerenauslese für die Winzer noch ein Stück höherwertiger einzustufen. Denn diese verfügt stark konzentriert nicht nur einen erheblichen Gehalt an unvergorenem, traubeneigenem Zucker, sondern auch über eine große Palette unterschiedlichster Aromen und eine brillante Säure.

Die Rebsorte Rieslaner ist aus einer Kreuzung von Silvaner und Riesling hervorgegangen. Sie ist besonders in Franken und der Pfalz zu finden und von Natur aus recht ertragsarm, was jedoch der Qualität des Weines zugute kommt. Daher ist die Rebsorte für hochwertige Weine besonderes prädestiniert. Den Rieslaner zeichnet vor allem sein fruchtbetontes Aroma aus, er erinnert für gewöhnlich an tropische Früchte wie Mango und Maracuja.

Als Aperitif- oder Dessertwein, ist sich Michael Scheller sicher, ist eine Rieslaner-Trockenbeerenauslese der ideale Begleiter bei ganz besonderen Anlässen.

Wie Ernst Büscher, Ressortleiter Presse beim Deutschen Weininstitut auf Anfrage mitteilte, werden derzeit auch in anderen Anbaugebieten hochwertige Auslesen aller Klassen, insbesondere Trockenbeerenauslesen, geerntet. Vor allem aufgrund der anhaltenden Trockenheit hätten die Beeren im gesunden Zustand eintrocknen können, heißt es dazu aus Bodenheim.

Perfekter Abschluss des Weinjahres

Die Lese dieser ausgewöhnlichen Trauben war für Michael Scheller der perfekte Abschluss des Weinjahres 2018.

Natürlich war Schellers Vorhaben aber nicht ganz ohne Risiko: Nachdem ansonsten alle Weinberge abgeerntet waren, besteht erhöhte Gefahr, dass sich Vögel und Insekten über die wenigen Trauben her machen. In Stammheim blieben Schäden hierdurch aber glücklicherweise aus. Aber auch das Wetter musste sein Übriges dazu tun: Herbstnebel und relativ warmes Wetter sorgen im Zusammenspiel für die so genannte Edelfäule. Wie jedoch schon das gesamte Jahr sei das Wetter auch nach der Weinlese konstant geblieben, bilanzierte Scheller, sodass die Trauben ihren optimalen Zustand für die Trockenbeerenauslese erreichen konnten. Fast rosinenartig müssen die Trauben „zusammenschrumpeln“. Dies bewirkt die so genannte Grauschimmelfäule (Botrytis cinerea).

Nützlicher Pilz

Durch den Pilzbefall werden die Beerenhäute durchlässig, sodass sie austrocknen können und der enthaltene Zucker sich durch Wasserverdunstung infolge der Sonneneinstrahlung auf natürliche Weise stark konzentriert.

Bereits im Frühsommer hatte auch Vater Gerhard Scheller wichtige Vorarbeit im Weinberg geleistet, indem er konsequent Ertragsreduzierung beispielsweise durch Traubenteilung betrieben hatte.

Per Hand werden die edelfaulen Beeren dann aufwändig „ausgelesen“ (daher auch die Namensgebung) und von den noch gesunden getrennt.

Insgesamt gut 150 Liter, welche Michael Scheller später in 0,375 Liter Flaschen füllen will, konnte er in seinen kleinsten Edelstahltank füllen.

Nach der Ernte wurde das Lesegut vom Stielgerüst getrennt („entrappt“), um in der Folge 24 Stunden auf der Maische zu ziehen, damit sich Zuckergehalt und Säure konzentrieren konnten. Danach wurde schließlich alles mit größter Sorgfalt schonend abgepresst und der Saft abfiltriert, um ihm die Trübstoffe zu entziehen.

Vorfreude auf den ersten Schluck

Mindestens bis zum Sommer nächsten Jahres bleibt der Wein nun im Tank. Michael Scheller freut sich schon auf den ersten Schluck der vergorenen fein-aromatischen Trockenbeerenauslese. Vielleicht hat sie ja sogar das Potenzial sich in die Galerie der zahlreichen Auszeichnungen, welche das Bocksbeutelweingut Scheller bereits erhalten hat, einzureihen. Angesichts des hohen Mostgewichts und der tief gold-bernsteinartig glitzernden Farbe braucht Scheller vor der deutschlandweiten Konkurrenz sicher nicht bange sein.

 

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