Eine Notlüge rettet ihm das Leben

12.04.2019

Mainpost 12.04.2019

Lindach

Eine Notlüge rettet ihm das Leben

Seit bald 75 Jahren führt er emsig und eisern Buch über die Ereignisse in Lindach, aber auch in der ganzen Welt, füllt tagaus, tagein eine Seite nach der anderen mit all den Notizen in seinen Kladden aus. Dies und auch das Gedichteschreiben halten den Lindacher Josef Dotzel geistig fit. Für die körperliche Fitness des „Chronisten Lindachs und der Welt“, wie wir ihn einmal bezeichnet haben, sorgen derweil die regelmäßigen Spaziergänge. Die 90 Lenze, die er am 12. April vollmacht, sind dem Dotzels Sepp jedenfalls nicht anzusehen.

Im Ruhestand etwas ruhiger zu treten und doch nicht zu ruhen, oder wie er sein Lebensmotto selbst beschreibt „Bete, arbeite und mache Urlaub zur rechten Zeit, dann hast du was vom Leben und was getan für die Ewigkeit!“, das ist das selbst verschriebene Rezept, mit dem er 90 Jahre alt geworden ist.

Dabei hätte sein Leben schon mit 16 Jahren vorbei sein können. Zuvor wird er mitten im Zweiten Weltkrieg 1941 mit zwölf Jahren unter dem Vater als dem damaligen Kommandanten jüngster Feuerwehrmann in Lindach und bläst als Hornist besonders zu den schweren Einsätzen nach den Luftangriffen auf Schweinfurt.

Als 14-Jähriger bei Hitlers letztem Aufgebot

Mit 14 Jahren wird er zu Hitlers letztem Aufgebot in die Südpfalz und an die Saar bei Völklingen abkommandiert, um mit so vielen anderen Kindern und Jugendlichen unter ständigen Luftangriffen der Alliierten den sogenannten „Westwall“ zu errichten. Die Amerikaner werden diesen bald problemlos überrennen. Die Angst vor den Fliegern und der Hunger prägen diese Zeit, die Josef Dotzel als „harte Kriegsjahre“ bezeichnet.

Dann mit 16, wie erwähnt, sein schlimmstes Erlebnis im ganzen Leben überhaupt. Die Amerikaner stehen im April 1945 bereits an der Mainschleife und rücken auch auf Lindach vor. Als zwei SS-Leute, die sich als Beobachter auf dem Kirchturm verschanzt haben, ihren Posten wegen des Beschusses durch die eigene Flak-Einheit in der Nähe für kurze Zeit verlassen müssen, steigt Josef Dotzel trotz der Gefahr kurzentschlossen die Treppen hinauf und befestigt an der Stange, an der sonst die Hakenkreuzfahne zum Kirchturmfenster hinaushängt, die aus zwei Betttüchern zusammengeknotete weiße Fahne zum Zeichen der kampflosen Übergabe Lindachs.

Das MG am 16. Geburtstag auf der Brust

Als die beiden SS-Soldaten zurückkehren und die Fahne erblicken, sind sie außer sich. Umgehend machen sie sich auf die Suche nach dem oder den "Verrätern". Plötzlich stehen die Soldaten im Hof der Dotzels. Es ist am 12. April 1945 um 17.15 Uhr. Josef Dotzel weiß es so genau, da es sein 16. Geburtstag ist. Einer der beiden jungen SS-Leute setzt ihm den Lauf des Maschinengewehrs auf die Brust. Zum ersten und letzten Mal gebraucht Josef Dotzel in seinem Leben eine Notlüge, beteuert er entschuldigend. Mit den Worten „Ich war´s nicht“ fleht er weinend und verzweifelt um sein junges Leben. Dann sagt der andere Kamerad den Satz, den Josef Dotzel nie vergessen wird, und der sein Leben retten soll: „Lass den Kerl jetzt in Ruhe, wir müssen wieder auf den Turm."

Schon während der Vater im Krieg ist, aber auch danach muss Josef Dotzel als ältester Sohn daheim auf dem Bauernhof nach der Schule fest mit anpacken. Aber auch, nachdem er am 24. November 1952 in Würzburg seine Elsa, eine geborene Ott aus dem Dorf, geheiratet hat. Drei Söhne und eine Tochter, die heute in Lindach Schwebheim und Bergrheinfeld leben, sowie später neun Enkel und inzwischen auch ein Urenkel vervollständigen das Familienglück. 2017 feiern beide das 65-jährige Ehejubiläum, die Eiserne Hochzeit.

Vom Bauernhof in die Fabrik

Kurz hintereinander sterben 1953 und 1954 mit jeweils 55 Jahren Josefs Eltern. Zwölf Jahre lang bewirtschaften er und seine Elsa noch bis 1964 im Haupterwerb die elterliche Landwirtschaft inklusive Obst- und Spargelanbau. Dann wird Josef Dotzel zum "Mondscheinbauer". Mit 36 Jahren sattelt er um und wechselt als Fabrikarbeiter zur Firma Kugelfischer in die Industrie nach Schweinfurt. Mit 63 Jahren geht er in Rente.

Darüber hinaus stellt sich Josef Dotzel immer wieder in den Dienst der Dorfgemeinschaft. 37 Jahre lang ist er Kassier und Schriftführer beim Johanniszweigverein, dem Träger des Kindergartens. Bei der Feuerwehr ist er 40 Jahre aktiv. Bei der Flurbereinigungs-Teilnehmergemeinschaft, die auch für die Dorferneuerung verantwortlich zeichnet, engagierte er sich von 1976 bis 2012 als 2. Vorsitzender. 20 Jahre spielt er, der auch gerne zur Mundharmonika greift, bis 1964 in der Dorfkapelle die Trompete. Auch im Fußballverein mischt er mit.

Der nächste 90. Geburtstag steht vor der Tür

So werden sich an Josef Dotzels 90. Geburtstag viele Gratulanten in der Lindenstraße aus Nah und Fern einfinden. Elsa Dotzel wird übrigens im September 90. Das nächste große Fest steht also vor der Tür.

 

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