Frauengeschichten im Barock

24.04.2006

Mainpost 24.4.2006

 

Frauengeschichten im Barock

 

Zeilitzheim Die Lebensbilder zweier "außergewöhnlicher Frauen im Barock" standen im Mittelpunkt eines Vortragsabends im Schloss Zeilitzheim. Schlossherrin Marina von Halem und die Historikerin Jutta Bauer, M.A., präsentierten Einblicke in das Leben der naturforschenden Künstlerin Maria Sibylla Merian sowie der Maria Anna Augusta Fatme Gräfin zu Castell-Remlingen, die mehr war als eine menschliche Beute des Türkenkriegs und eine praktizierende Alchimistin.

 

Gibt es auch heute noch immer Bereiche, in denen man das erfolgreiche Wirken von Frauen auf den ersten Blick kaum vermutet, gilt dies für vergangene Jahrhunderte in noch viel stärkerem Maße. Zwei dieser Lebensbilder lernten die Besucher des Vortragsabends im Schloss Zeilitzheim aus der Nähe kennen.

Hausherrin Marina von Halem widmete ihren Beitrag Maria Sibylla Merian (1647-1717), einer Künstlerin, die zugleich Naturforscherin war - oder umgekehrt. In die Epoche nach dem 30-Jährigen Krieg hineingeboren begann sie bereits 1660 in jugendlichem Alter mit der Untersuchung bzw. Beobachtung von Seidenraupen. Ihr naturwissenschaftliches Interesse inspirierte sie zugleich, ihre Untersuchungsobjekte und Vorlagen detailliert und sorgfältig farbig nachzumalen, meist mit Wasserfarben auf feinem Pergament.

In Nürnberg gründete sie eine Malschule - dies allein ein außergewöhnlicher Schritt für eine Frau ihrer Zeit. Außergewöhnlich muss nach den Schilderungen von Halems auch das Haus Maria Sibyllas gewirkt haben: Es muss eine einzige, "in allen Ecken und Winkeln zirpende" Brutstätte für Insekten aller Art gewesen sein, die von ihr rege studiert wurden. Ein um vieles reicheres Feld für ihre Beobachtungen bot ihr schließlich ab 1699 die südostasiatische Tropen-Insel Surinam, auf die es sie nach einem mehrjährigen Aufenthalt in den Niederlanden zog.

Die auf Surinam angestellten Beobachtungen wurden Grundlage für Merians Hauptwerk, ein Buch über die Insektenvielfalt auf der Insel. "Die Frau war eine Pioniergestalt moderner Weiblichkeit - und das im 17. Jahrhundert", zog von Halem eine Bilanz unter das Leben und Forschen einer Naturforscherin, deren Bedeutung bis in die Gegenwart reicht. So zierte ihr Porträt beispielsweise die letzte Serie der 500-DM-Schein und das im Februar diesen Jahres in Dienst gestellte Forschungsschiff des Leibniz-Instituts für Ostsee-Forschung Warnemünde ist auf ihren Namen getauft.

Jutta Bauer, M.A., aus Gerolzhofen stellte Maria Anna Augusta Fatme Gräfin zu Castell-Remlingen vor, die im Türkenkrieg 1686 gefangen genommen und als menschliche Kriegsbeute ins südliche Deutschland verschleppt wurde, wo sie bis zu ihrem Tod 1755 ein ebenfalls ungewöhnliches Leben führte. Denn aus dem Status der "Beute-Türkin" gelang ihr 1704 durch die Heirat des Grafen Friedrich Magnus zu Castell-Remlingen der wohl einmalige Aufstieg in den deutschen Reichsadel. Voraussetzung hierfür war natürlich ihre christliche Taufe.

Doch obwohl ihr offenbar von aufrechter Liebe zu ihr entflammter Mann Graf Friedrich Magnus in einem Ehevertrag die materielle Absicherung seiner Frau sicherte, war ihr Lebensunterhalt keineswegs gewährleistet. Denn als der Graf 1717 starb, musste sich Fatme, die auf dem Papier alle Rechte einer Gräfin zu Castell-Remlingen besaß, bis an ihr Lebensende per Bettelbriefe die ihr zustehenden Deputationsgelder im Hause der Casteller Grafen erstreiten. Auch dann noch, nachdem sie 1726 als Kostgängerin ins Kloster Marktdorf eingetreten war.

Neben diesem ständigen Kampf um die Auszahlung ihres Unterhalts widmete die Gräfin viel Energie und großen Eifer alchimistischen Experimenten, bei denen sie sich, dem Zeitgeist folgend, der ins Wahnhaften abgleitenden Suche nach der Erschaffung des Steins der Weisen anschloss, jenem vermeintlichen "Wunderinstrument", das aus jedem Metall Gold entstehen lässt. "Jedoch blieben ihre Erkenntnisse und Beschreibungen auf diesem Gebiet eher unwissenschaftlich und muteten dilettantisch an", berichtete Bauer.

Als Fatme 1755 mit wohl knapp 70 Jahren in eher ärmlichen Verhältnissen starb, ging eine Frauengeschichte zu Ende, die zumindest im süddeutschen Raum kein vergleichbares Gegenbeispiel findet: Vom menschlichen Strandgut der Türkenkriege bis hinein in den Hochadel. Eine Erfolgsgeschichte, die sich allerdings ein Leben lang sozialen Anfeindungen widersetzen musste.

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