Glanz und Elend liegen ganz eng beieinander

02.04.2009

Mainpost 02.04.2009

 

STAMMHEIM

Glanz und Elend liegen ganz eng beieinander

 

Museumsfrühling in Stammheim greift heuer das Motto „Die goldenen 20er Jahre?“ auf

Günter Weißenseel, der Leiter des Museums für Zeit- und Militärgeschichte in Stammheim, bezeichnet sie als „eine Zeit, die keiner richtig kennt“. Jeder leite die 20er Jahre von Luxus ab, die Wirklichkeit habe aber ganz anders ausgesehen. Dieser Umstand sei ebenso wie das Ende des Ersten Weltkriegs vor 90 Jahren auch der Grund gewesen, weshalb man heuer als Thema für den traditionellen Museumsfrühling an diesem Wochenende 4./5. April die „Goldenen 20er Jahre?“ aufgreift, den Begriff für diese Epoche jedoch ganz bewusst mit einem Fragezeichen versehen hat.

 

Die Schirmherrschaft über den Museumsfrühling, der alljährlich Tausende von Besuchern anlockt, hat in diesem Jahr der Bayerische Finanz-Staatssekretär Franz Josef Pschierer übernommen.

Günter Weißenseel betont: „Wir wollen auch diesmal nichts bewerten, nichts in eine bestimmte Richtung lenken. Wir wollen nur darstellen und daran erinnern, dass die Zeit unübersichtlich und wild war, wobei wir uns auf die Jahre bis 1925 beschränken und das, was danach kommt, offenlassen.“ Und wild war die Zeit in der Tat.

Mit der Unterzeichnung des nicht zu erfüllenden Versailler Vertrages endet im Juni vor 90 Jahren der Erste Weltkrieg. Die Folgejahre sind für den Großteil der Bevölkerung gekennzeichnet von Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Bettelei als einzige Möglichkeit für verkrüppelte Kriegsheimkehrer, zu überleben sowie Schmuggel und blühendem Schwarzhandel. Obendrein prägen politische Unruhen sowie instabile Regierungen das Klima am Anfang der 20er Jahre in Deutschland. Die Weimarer Republik, wie die junge Demokratie genannt wird, kommt nicht in Gang. Mal sind die Linken stärker, mal die Rechten. Ständig wechselt die Reichsregierung. Ihre Haltbarkeitsdauer liegt durchschnittlich bei acht Monaten. Immer mehr Parteien stellen sich zur Reichstagswahl und überfordern damit die Bürger. Die Auflösung des Heeres sorgt für zusätzliches Elend und bietet Raum zur Bildung der so genannten Freikorps.

Günter Weißenseel: „Die Demokratie war Neuland für die Menschen. Sie hatten bald nur das Gefühl, dass sie nicht richtig funktioniert.“ So keimte der Wunsch nach Führung und einer starken Hand.

Eine zunehmende Inflation, die sich zu einer Hyperinflation im Jahr 1923 steigert, Putschversuche und Attentate sowie die Niederschlagung von Massenstreiks hinterlassen Hunderte von Toten.

In Zeil am Main werden Eisenbahnwaggons mit Schmugglerware beschlagnahmt. In Würzburg prügeln rote Horden Soldaten mit Knüppeln aus der Straßenbahn. Vor allem in den Städten verhungern immer mehr Menschen.

Die 20er Jahre stehen aber auch für den wirtschaftlichen Aufschwung der weltweiten Konjunktur und für die Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft.

So etabliert sich zum Beispiel der Film als Massenmedium. Landauf, landab eröffnen Kinos, dazu Cafés, Bars und Restaurants, in denen Charleston und Tango getanzt wird. Bald kann man die Modedroge Kokain an jeder Straßenecke kaufen. Die Prostitution breitet sich aus.

Denn es gibt nicht nur Kriegsverlierer, sondern auch Kriegsgewinnler. Die Schieber und Wucherer breiteten sich über das Land aus, erleben die Zeit ebenso als golden.

Beteiligt am Aufschwung der Konjunktur sind ebenfalls die hohen Kredite, die Deutschland damals aus dem Ausland, besonders aus den USA, erhält. Doch es ist eine Scheinblüte. Die Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Da erinnert vieles an die heutige, weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise.

Dazu Günter Weißenseel: „Das ist allerdings reiner Zufall. Als das Thema lange vorher von uns gewählt wurde, konnte niemand ahnen, dass wieder schlechte Zeiten anbrechen.“

So entsteht jedoch der Begriff „Goldene 20er Jahre“, der zugleich den krassen Gegensatz im Deutschland der damaligen Zeit zwischen Glanz und Elend widerspiegelt.

 

Mainpost 02.04.2009

STAMMHEIM

Auch die Feldküche hat geöffnet

Das Programm zum Museumsfrühling

 

„Die goldenen 20er Jahre?“ lautet das diesjährige Motto der Sonderausstellung beim Museumsfrühling 2009 am Wochenende im Museum für Zeit- und Militärgeschichte in Stammheim.

Darstellungen und die Dokumentation in Gestalt des chronologischen Ablaufs hinterfragen den allgemein gängigen Ausspruch von den „goldenen 20-er Jahren“ und bringen den krassen Gegensatz zwischen Glanz und Elend im Deutschland der damaligen Zeit zum Ausdruck.

Soldaten in Freikorpsuniformen und Bolschewisten mit der roten Fahne in der Hand bilden den eindrucksvollen Rahmen. Andere Akteure tanzen zur Musik der 20er Jahre Charleston und Tango. In Vitrinen werden Reichtum und Elend dargestellt.

Das Programm im Einzelnen:

Samstag, 4. April: 10 Uhr Festakt mit Ehrengästen, 11.30 Uhr Eröffnung der Sonderausstellung, 12 Uhr Essen aus der Feldküche.

Sonntag, 5. April: 10 Uhr Weißwurstfrühstück und Frühschoppen, 12 Uhr Essen aus der Feldküche, 17 Uhr Großes Aufräumen.

An bei den Tagen ganztätig: Feldlager, Panzerfahren, Feldbahnfahren, Backen in der Feldbäckerei, Schmiedebetrieb, Militärcamp auf der oberen Museumswiese.


 

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