Glanz und Gloria gegen Not und Elend

07.04.2009

 

Mainpost 7.4.2009
 
STAMMHEIM
Glanz und Gloria gegen Not und Elend
Museumsfrühling unter dem Motto „Die goldenen 20er Jahre?“ machte Geschichte erneut lebendig
Elegante Damen im schmalen Kleid mit passendem Hut und Zigarettenspitze, genüsslich am Champagner nippend. Daneben verzweifelte Arbeitslose in heruntergekommener Kleidung auf der Suche nach irgendeinem Broterwerb. Kampfbereite Revolutionäre neben bewaffneten Mitgliedern des militaristisch organisierten Freikorps. Nirgendwo wird Geschichte so lebendig und greifbar wie beim Museumsfrühling in Stammheim, der dieses Jahr unter dem Motto „Die goldenen 20er Jahre? – Eine verklärte Epoche der deutschen Geschichte“ stand.
In einem Zwiegespräch stellten Diana Kitzing und Winfried Seißinger den widersprüchlichen Charakter der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg dar und ließen die Zuschauer selbst entscheiden, ob die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts tatsächlich „golden“ waren.
Beginnend im Jahr 1918 unterhielten sie sich über wichtige Ereignisse sowohl ganz Deutschland wie auch die Region betreffend. Passende Fotos und Dokumente, auf eine Leinwand projiziert, hinterlegten den Dialog und gestalteten die Szene noch bildlicher.
Diana Kitzing, ganz Dame von Welt, freut sich über technische Fortschritte wie die Erfindung des Radios oder Straßenbahnen in ihrer Stadt. Neue Bus- und Zugverbindungen erleichtern das Reisen. Sie verkündet stolz die Einführung des Wahlrechts für Frauen.
Große Hoffnung
In die neu gegründete Republik und die Weimarer Verfassung setzt sie große Hoffnung. Albert Einstein erhält den Nobelpreis, in Berlin wird die Avus-Rennstrecke eröffnet. Als Repräsentantin der Kriegsgewinnler und der Luxusgesellschaft kennt sie die neuartige Jazzmusik aus Amerika und weiß von modernen Tanzschulen in Berlin, die die amerikanischen Tänze lehren. Gut informiert bedauert sie auch den Ausschluss der deutschen Sportler bei den olympischen Spielen sowohl 1920 in Antwerpen wie auch 1924 in Paris.
Von der Rentenmark, die als Folge der gigantischen Inflation die alte Währung ersetzen soll, erhofft sie sich finanzielle Stabilität. 1925, als sich 30 Parteien zur Wahl des Reichstages stellen, endet die Zeitreise.
Ihren Gegenpart übernahm Winfried Seißinger in der Rolle des typischen Kriegsverlierers. Er prangert die Bedingungen des Versailler Friedensvertrages an. Nicht zu tilgende Kriegsschulden und Reparationszahlungen, die die damalige Weltjahresproduktion um das 178-fache übersteigen, treiben die Bevölkerung in Armut und Hunger. Allein 800 000 Kinder fallen der unzureichenden Versorgung mit Nahrungsmitteln zum Opfer und sterben.
Putschversuche
Die neue Regierung erweist sich als instabil und bittet die neu gegründeten Freikorps um Hilfe im Kampf gegen revolutionäre Linke und Kommunisten, die ein „starkes Deutschland“ fordern, Putschversuche unternehmen und zum Generalstreik aufrufen.
Über die Jahre hinweg spitzt sich die Situation zu. Das Anwerfen der Notenpresse führt zu galoppierender Inflation und zusätzlicher Not. Diese unruhigen Zeiten, die Niederdrückung der deutschen Wirtschaft durch den Friedensvertrag, Frustration über die neue Staatsform und die Regierung, Arbeitslosigkeit und Hunger, all das bereitet den Nährboden für die Erstarkung des Nationalsozialismus.
Daten und Fakten
In einer sehr anschaulichen Ausstellung präsentierte das Museum zusätzlich interessante Daten und Fakten aus den „Goldenen 20ern“. Inflationsgeld in Millionenhöhe und Briefmarken mit einem „Wert“ von mehreren hundert Mark demonstrierten die rasante Geldentwertung. Eine detailreiche und einmalige Ausstellung über das Freikorps Würzburg veranschaulichte die Bedeutung dieser militärähnlichen Organisation, über die heute nicht mehr viel bekannt ist.
„Zum Verständnis der Gegenwart gehört immer das Wissen um die Vergangenheit“ sagte Günter Weißenseel in seiner Ansprache. Dass dieses Wissen lebendig bleibt, dafür sorgt das Museum in Stammheim jedes Jahr wieder äußerst anschaulich und mit viel Liebe zum Detail.
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