In der Turmkugel war eine mit Wurstgarn verschnürte Tüte

27.06.2020

Mainpost 27.06.2020

Gernach

In der Turmkugel war eine mit Wurstgarn verschnürte Tüte

Ein weiterer historischer Moment bei der Kirchenrenovierung in Gernach: Die Kugel an und der Wetterhahn auf der Spitze des Kirchturms der St. Aegidius-Kirche wurden von ihrer Halterung heruntergeholt und die Kugel geöffnet.

Die Gelegenheit dazu ergab sich, da aufgrund der Renovierung des Kirchturms das schon stehende Gerüst es möglich machte, den Hahn und die Kugel aus der Nähe zu inspizieren und eventuelle Schäden festzustellen. Der Kran der Firma Thilo Hammer, die mit der Renovierung des Kirchturms beauftragt ist, beförderte dann Kugel und Hahn von der Höhe auf den Boden.

Einschüsse an der Kugel sichtbar aber schon repariert

Am Wetterhahn hat der Zahn der Zeit schon sehr genagt, es wird überlegt, einen neuen Hahn eventuell nach der Vorlage des in die Jahre gekommenen Hahnes anfertigen zu lassen. Die Kugel zeigt einen größeren Einschuss – vielleicht von einem größerkalibrigen Geschoss aus dem Zweiten Weltkrieg und einige kleinere Einschüsse, die vermutlich von Luftgewehrkugeln verursacht wurden. Diese Einschüsse wurden schon früher repariert.

Spannend: Blick ins Innere der Kugel

Mit Spannung erwartete man, was im Inneren der Kugel an der Kirchturmspitze zum Vorschein kommen würde. Man vermutete eine Kupferkassette mit Dokumenten aus der Vergangenheit und zur aktuellen Situation von Kirche und Gemeinde zur Zeit der jeweiligen Renovierung. Umso verblüffter waren alle, als eine mit Wurstgarn sorgfältig verschnürte Plastiktüte mit der Aufschrift "Horten" zum Vorschein kam. Insgesamt in vier ineinander gesteckte Plastiktüten hatten die Verantwortlichen der letzten Kirchenrenovierung die Dokumente eingepackt.

Den eingerollten, dank der Plastiktüten noch gut erhaltenen Dokumenten war zu entnehmen, dass das Gernacher Gotteshaus in den Jahren 1946, 1964, 1972 renoviert wurde.  Bei diesen Renovierungen wurde die Kugel an der Spitze des Turms abgenommen und jeweils mit neuen, aktuellen Dokumenten ergänzt. So ist eine Liste mit den Geistlichen, die in Gernach Seelsorger waren zu finden, ebenso ein Namensverzeichnis der Ordensschwestern, die bis zum Weggang der Schwestern im Jahr 1964 wirkten.

Lebensmittelkarten und Schriftdokumente

Lebensmittelkarten, die im Zweiten Weltkrieg ausgegeben wurden, waren ebenso enthalten wie verschiedene Festschriften zu Vereinsjubiläen, wie die Festschrift zum 40-jährigen Bestehen des TSV, die Festschrift zur Einweihung des TSV-Sportheims im Jahr 1972, und auch die Festschrift zur Feier des 95-jährigen Bestehens der Freiwilligen Feuerwehr Gernach.  Viele Zeitungsausschnitte geben zusätzlich einen Einblick in die Ereignisse, die die Bürger Gernachs bewegten: Flurbereinigung, Kanalisation, Neubau des Leichenhauses, Ausbau der Straße nach Heidenfeld und Kolitzheim, um nur einige Beispiele zu nennen. Besonders interessant: ein Dokument aus dem Jahr 1919, und die Abschrift der Dokumente, die aus früherer Zeit in der Kugel aufbewahrt wurde.

Jetzt müssen sich die Verantwortlichen überlegen, welche Zeitdokumente sie in die Kugel an der Spitze des Gernacher Kirchturms geben wollen – und vor allem, in welches Behältnis sie diese geben wollen. Die Plastiktüten werden wohl nicht wieder verwendet werden.

Der Fachbegriff für die Halterung auf der Spitze des etwa 30 Meter hohen Turmes Kirchturms lautet "Kaiserstiel" und ist im Holzbau die innere Spitze einer Turmkonstruktion. Wie bei der Inspektion deutlich wurde, ist der Kaiserstiel der Gernacher Kirche so gut erhalten, dass er weiter verwendet werden kann.

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