Jeder Handel akribisch aufgelistet

01.06.2007

Mainpost 1.6.2007

 

ZEILITZHEIM (BG)

Jeder Handel akribisch aufgelistet

 

Verkehrte Welt! Aber nur für uns, denn für Juden ist es ganz normal, dass ein Buch nicht vorne, sondern hinten beginnt. „Logisch! Sie lesen von rechts nach links“, erläuterte Kreisarchivpfleger Hilmar Spiegel, der zur Zeit einen „Schatz“ hütet – das Geschäftsbuch des jüdischen Viehhändlers Sigmund Selig I aus Zeilitzheim.

Überlassen hat es ihm zu Forschungs- und Dokumentationszwecke ein Nachfahre der Familie, Herbert Selig. Der 92-jährige ist 1934 nach Amerika ausgewandert und lebt heute in Jerusalem. Wie Hilmar Spiegel ausführte, hat die Historie sie zusammengeführt. Nach der historischen Aufarbeitung erhält Herbert Selig das Geschäftsbuch zurück.

„Masseltov“ – viel Glück

„Es ist etwas ganz Besonderes, ein Unikat. Mir ist kein weiteres bekannt“, schwärmt er. Angelegt wurde es im Jahr 1817. Die erste Seite ist aufwändig gestaltet. Neben einer Krone und stilisierten bunten Blumen ist sie mit den Initialen des Eigentümers und dem Schriftzug „Masseltov“ versehen, was „viel Glück – in diesem Fall für die Geschäfte – bedeutet.

Die ersten 15 Blätter enthalten Informationen über mögliche Geschäfte. Sie dienen als Gedächtnisstütze. Waren sie getätigt, wurden die Notizen durchgestrichen. Auf den weiteren Seiten ist jeder Handel akribisch aufgelistet und beschrieben.

Zum Beispiel wurde vermerkt, ob er ein Stück Vieh im Tausch erhielt oder ob es ein Festkauf war. Er schildert, bei wem er war und was er wann gemacht hat. „Am Rand hat er den Betrag geschrieben, den er bei jedem Geschäft erzielt hat. Unten ist die Gesamtsumme aufgelistet“, sagt Hilmar Spiegel, der vor hat, das Buch, das zu 99 Prozent in Althebräisch geschrieben ist, übersetzten zu lassen, da es auch eine wichtige Quelle für die Ortsgeschichte und die Namensforschung ist.

„Es strotzt vor Informationen über das Dorf“, fügt er an. Der letzte Eintrag von Sigmund Selig stammt von 1824. In diesem Jahr starb er. Seine Nachfahren waren keine Viehhändler mehr, sondern Krämer. Die Familie Selig lässt sich, seit dem 17. Jahrhundert in Zeilitzheim nachweisen.

Erstmals schriftlich genannt werden Zeilitzheimer Juden 1588 in einer Bierbraurechung der Stadt Gerolzhofen. „Auf der Seite zehn unter Einnahmen an Geld steht: Judt zu Zeulizheim kauft 8 Maß Bier zu je 6 Pfennig“, fand Hilmar Spiegel heraus. Wie er ausführt, gab es mit ziemlicher Sicherheit schon vor dieser Nennung Juden in dem Ort.

„In Zeilitzheim residierten Reichfreiherren. Sie unterstanden nur dem Kaiser. Sie lebten oft über ihre Verhältnisse. Um ihre Schatullen aufzubessern, ließen sie Juden in ihrem Gebiet ansiedeln, da sie eine gute Einnahmequelle waren“, erklärte er.

Kein Ghetto

Im 19. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde zahlenmäßig am größten. In Zeilitzheim lebten damals etwa 80 Juden. Bei etwa 680 Einwohnern stellten sie einen Anteil von etwa neun Prozent. Ein Ghetto, so Hilmar Spiegel, gab es nicht. Die jüdischen Mitbürger wohnten über das ganzen Dorf verteilt. „Eine Besonderheit war, dass einige Juden Bauern waren mit eigenen Höfen, Feldern und Weinbergen. In früherer Zeit war ihnen der Besitz zum Beispiel von Feld oder Weinbergen untersagt“, führt er aus.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ging ihre Zahl kontinuierlich zurück. 1910 waren es noch 54. Die jüdische Gemeinde Zeilitzheim bestand bis zum 22. April 1942. An diesem Tag wurden, laut Hilmar Spiegel, die letzten sieben jüdischen Einwohner Zeilitzheims deportiert. Sie kamen nach Lublin und Izbica (heute Polen) in Vernichtungslager oder ins Ghetto.

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