Kein banger Blick in die Zukunft

06.03.2007

Mainpost 6.3.2007

 

Kein banger Blick in die Zukunft

 

KOLITZHEIM Zahlen über seine Gemeinde, besonders die Geburten und Sterbefälle, Trauungen, Zu- und Wegzüge, hat Bürgermeister Horst Herbert immer gut im Blick. Mit gutem Grund. Seit drei Jahren sinkt die Einwohnerzahl. Die Zahl der Geburten geht schon seit 15 Jahren zurück. Das hat Auswirkungen auf die vier Schulen und acht Kindergärten im Gemeindegebiet – und auch auf die Vereine. Veränderungen gewohnter Strukturen werden nicht ausblieben. Trotzdem ist der Bürgermeister sehr zuversichtlich, was die Zukunft der acht Dörfer des Gemeindebereichs angeht.

„Wir müssen unseren Lebensraum weiter entwickeln und rechtzeitig auf Veränderungen, die sich abzeichnen, reagieren. Dann werden unsere Dörfer auch in Zukunft eine gute Entwicklung haben“, ist sich der Bürgermeister sicher.

Hohe Lebensqualität

Seinen Optimismus begründet Horst Herbert so: „Wir haben eine hohe Lebensqualität in den Dörfern der Gemeinde und eine engagierte und auch, wie sich bei den diesjährigen Bürgerversammlungen derzeit wieder zeigt, zufriedene Bevölkerung, die gerne hier wohnt und lebt“. Ein im Landkreisdurchschnitt liegendes Arbeitsplatzangebot, ein für die nächsten Jahre ausreichendes Bauplatz-Angebot in allen Ortsteilen, gemäßigte Steuersätze und eine gute Infrastruktur tragen laut Herbert dazu bei, dass die Dörfer auch trotz Geburtenrückgang und leichtem Einwohnerrückgang nicht ausbluten und Bürger in verstärktem Maße wegziehen. Von Vorteil sei auch die günstige Lage der Gemeinde zwischen den Zentren Schweinfurt, Volkach und Gerolzhofen, die zahlreiche Arbeitsplätze bieten.

„Ewige Baustellen“

Herberts Hauptsorge sind die Altort-Bereiche in der Gemeinde, die in den letzten 30 bis 40 Jahren Einwohner verloren. Junge Leute bauten neue Häuser in Neubaugebieten; durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft stehen viele Nebengebäude wie Ställe und Scheunen, aber auch ganze Anwesen leer. „Da gilt es Lösungen zu finden, um die Altorte attraktiver zu machen und auch die jüngere Bevölkerung in den Orten zu halten“, sieht Herbert eine Daueraufgabe für die nächsten Jahrzehnte.

Eine Reihe von Dorfgestaltungsmaßnahmen wurden in den vergangenen Jahren bereits in den Ortsteilen durchgeführt, zum Beispiel mit Hilfe von Städtebaufördermitteln die Renovierung des Rathauses und die Neugestaltung des Dorfplatzes in Zeilitzheim oder im Zuge des Dorferneuerungsprogrammes die Rathaussanierung und Straßenraumgestaltung in Lindach. Einen großen Gewinn für das Ortsbild brachte besonders auch die einfache Dorferneuerung in Herlheim, die im vergangenen Jahr zum Abschluss gebracht werden konnte. Platzgestaltungen in Oberspiesheim und Gernach runden das Bild ab. In den kommenden Jahren stehen weitere Maßnahmen an: in Unterspiesheim die Gestaltung des Kirchplatzes, in Stammheim nach der Renovierung des Rathauses die Gestaltung des Bereichs um den Dorfweiher und in Kolitzheim die Dorferneuerung.

„Vieles haben wir schon geschafft. Doch unsere Dörfer werden ewige Baustellen bleiben. Die Arbeit geht nie aus“, sagt Herbert. „Wenn es uns gelingt, unsere Ortskerne attraktiv zu halten, haben wir gute Perspektiven für die Zukunft.“

Etwa drei Millionen Euro hat die Gemeinde in den letzten vier Jahren in die Erschließung eines ausreichenden Bauland-Vorrates investiert und dabei von der Niedrigpreis-Phase auf dem Bausektor profitiert. So gebe es derzeit etwa 70 freie Bauplätze der Gemeinde. Wichtig sei, so Herbert, dass in nächster Zeit auch Mehrfamilienhäuser gebaut werden, um jungen Familien, die kein eigenes Haus bauen können, Wohnungen zu bieten und sie so in den Orten zu halten.

Auch ein Vorrat an Gewerbegebieten ist vorhanden, damit sich Firmen ansiedeln oder erweitern können. So freut sich der Bürgermeister aktuell, dass sich drei Firmen mit etwa 60 Mitarbeitern im Gewerbegebiet Kolitzheim auf dem Gelände eines vor einigen Jahren in Konkurs gegangenen Innenausbau-Betriebes ansiedeln und dort im Bereich Solarenergie tätig sind.

Sinkende Tendenz

Längerfristig geht Horst Herbert von einer leicht sinkenden Tendenz bei der Einwohnerzahl der Gemeinde aus, denn die Zu- und Wegzüge halten sich in etwa die Waage und die Geburtenrate ist rückläufig. Hatte die Groß-Gemeinde, als sie 1978 bei der Gebietsreform entstand, etwa 4800 Einwohner, so stieg die Zahl in den Jahren bis Mitte der 90-er Jahre kontinuierlich auf etwa 5700 mit Erstwohnsitz und dazu gut 250 mit Zweiwohnsitz an, um dann zu stagnieren. Seit 2004 ist ein leichter Rückgang zu verzeichnen. 5575 Einwohner mit Erstwohnsitz waren es im Jahr 2006, 32 weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Zweitwohnsitze nahm um einen auf 264 zu. Geburten gab es nur 41. 2005 waren es 56. Mitte der 90-er Jahre wurden 70 bis 80 Kinder pro Jahr geboren. Die Zahl der Sterbefälle lag 2006 bei 45, die Zahl der Trauungen bei 33. Im Jahr 2004 waren es 32 bzw. 22.

Erste Auswirkungen

Die niedrige Geburtenrate der letzten Jahre macht sich mittlerweile in den Kindergärten und Schulen bemerkbar. So besuchen nur noch elf Kinder den Kindergarten in Gernach. Der Trägerverein, der Johannisverein, beschloss vor kurzem, den Kindergartenbetrieb vorläufig ein Jahr aus Rücklagen zu subventionieren. Auch in den anderen sieben Kindergärten im Gemeindebereich, davon zwei gemeindliche in Stammheim und Zeilitzheim, sind die Kinderzahlen drastisch gesunken. „Die Zahl von acht Kindergärten wird wohl auf Dauer nicht zu halten sein“, meint Horst Herbert. In den Grundschulen fiel in den letzten drei Jahren bereits nacheinander in Stammheim, Herlheim und Zeilitzheim eine Eingangsklasse weg und an allen Grundschulen gibt es derzeit nur noch drei statt vier Klassen. Erste Überlegungen, so der Bürgermeister, seien gewesen, eine Schule komplett zu schließen und deren Klassen auf die anderen Schulhäuser zu verteilen.

Im Herbst beschloss der Gemeinderat, vorläufig alles zu belassen, wie es ist, aber den Zeilitzheimer Kindergarten, der renoviert werden müsste, ab September 2007 im Erdgeschoss der Zeilitzheimer Schule unterzubringen. Laut Herbert eine „optimale Lösung für alle Beteiligte“. Auch die Hauptschule in Unterspiesheim wird Probleme durch die geringere Schülerzahl bekommen. Die Klassenstärken liegen bereits an der Untergrenze. In Zukunft werden Kooperationen mit umliegenden Gemeinden, die ja dasselbe Problem haben, angestrebt werden müssen. „Über kurz oder lang wird es wieder eine Schulreform für die Hauptschulen geben“, ist sich Herbert sicher.

Auswirkungen wird der Rückgang der Geburten auch auf die rund 100 Vereine und Organisationen der Gemeinde haben, denen allmählich der Nachwuchs fehlt. Sie werden künftig viel stärker über die Ortsgrenzen hinaus zusammen arbeiten müssen. „Es muss aber nicht jeder Sportverein alles anbieten. Da muss man ein wenig weg vom Kirchturm-Denken“, meint der Bürgermeister.

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