Kennen Sie glückliche Nazis?

12.11.2015

Mainpost, 12.11.2015

 

STAMMHEIM

Kennen Sie glückliche Nazis?

Ich wurde mein Leben lang in Schubladen gesteckt, das möchte ich mit anderen nicht machen.“ Offen, ja fast arglos geht Mo Asumang deshalb auf Rechtsradikale aller Art zu. Sie will verstehen, was sie ein Leben lang erlebt hat, mehr oder weniger gut versteckten Rassismus. In ihrem Dokumentarfilm „Die Arier“ geht sie der Frage nach, was wohl hinter der Ideologie von den sogenannten Herrenmenschen steckt.

Auf Einladung von Stammheim ist BUNT (SiB) kam die Filmemacherin in den Winzerort. Sie zeigte ihren Film und stellte sich den vielen Fragen der rund 120 Besucher. „Dieser Film erzählt eine ganze Menge aus meinem Leben“, eröffnet die 52-Jährige. Aufgewachsen bei der Großmutter, die früher ein guter Nazi war, musste sie mit ihrer Familie als Kind bereits umziehen, weil der Vater aus Ghana nicht in „dieses ehrenwerte Haus“ gepasst hat.

Charmant, interessiert und ein bisschen naiv geht sie in der ersten Szene ihres Films auf Nazis zu, die in Gera demonstrieren. „Entschuldigung, für was demonstrieren sie heute, wofür gehen sie auf die Straße?“ Es sind die einfachen Fragen und es ist allein ihre Anwesenheit, mit der die Afrodeutsche provoziert und abblitzt. Von keinem bekommt sie eine Antwort, dafür jede Menge Beschimpfungen.

Dann aber wendet sich Asumang den „Herren“ der sogenannten Herrenmenschen zu. Trifft sich mit dem amerikanischen Rassisten Tom Metzger, dem Gründer der White Aryan Resistance, der zugibt, dass der Rechtsextremismus ein „großes Geschäft“ ist Sie spricht mit einem Vertreter des Ku Klux Klans und dem rechtsextrem esoterischen Pseudowissenschaftler Axel Stoll, der die wahre Herkunft der Arier lüftet. „Sie kommen von Aldebaran.“ Aber da irrt der Naturwissenschaftler. Asumang begibt sich in ihrem Film ebenfalls auf die Spur der Arier, die alles andere als blond und blauäugig sind. Eine Bevölkerungsgruppe in Persien hat sich schon in vorchristlichen Jahrhunderten als Arier bezeichnet, lange bevor der Begriff rassenideologisch missbraucht wurde.

Asumangs Film ist stellenweise witzig, führt oft zu fassungslosem Kopfschütteln, macht aber auch betroffen.

Die sich anschließende rege Diskussion wird eröffnet mit „Hochachtung vor ihrem Mut sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und mit Neonazis zu unterhalten.“ Aber auch die Frage nach der Angst wird gestellt. „Manchmal war mir ein bisschen anders“, gibt die Filmemacherin zu, aber sie hätte ja ihre „Bodyguards“ gehabt, zwei Kamerafrauen. Mit den Kameramännern am Anfang sei es ein Desaster gewesen, erzählt die Afrodeutsche. Die seien mehrfach angegriffen worden. Sie beantwortet damit gleich die Frage eines Zuschauers. Ein Mann hätte diesen Film nicht machen können. „Wir waren ein reines Frauenteam, haben unsere Energien runtergefahren, waren sanftmütig, die wären uns sonst weggelaufen.“

Schnell wird in der Diskussion auch das einzige Manko des Films deutlich, in der Realität, geht es nicht nur um die Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen, sondern vor allem um die Beschäftigung mit den wachsenden rechten Tendenzen in unserer Gesellschaft. „Die seien bei ihren Arbeitskollegen deutlich zu spüren“, betont eine Besucherin. „Rassismus beginnt in der Mitte der Gesellschaft“ unterstreicht ein anderer Gast.

„Mit den Nazis reden, sie als Menschen sehen, ist das der Lösungsansatz“, fragt jemand aus dem Publikum. Ja und Nein, meint Asumang. Den Menschen wahrnehmen findet sie wichtig, aber, „haben sie schon einmal einen glücklichen Nazi gesehen“, fragt sie. Nazichefs und auch die Verantwortlichen von Pegida suchten sich unglückliche und unzufriedene Menschen, „die sie weiter in die Scheiße reiten können“. Man müsse die Rädelsführer ausschalten, meint die Regisseurin. Die Masse der Rechtsextremen, das zeigt auch der Film deutlich haben Angst, fühle sich als Opfer. Sie warnt allerdings davor die Rechtsextremen allgemein als „Dumpfbacken“ anzusehen, im Fußvolk seien wohl viele schwache, verführte Menschen, aber die Hassprediger seien alles andere als dumm.

Hier hat Gerd Völkl von der SiB seine Anfrage: „Ich bin besorgt, dass die Elite Deutschlands als Drahtzieher hinter den Nazis steht und wir keine Möglichkeit haben an die Köpfe heranzukommen.“ Auch da kann er Bezug nehmen auf den Film, denn Asumang hat ebenso in studentischen Bruderschaften recherchiert. Sie ist dabei auf so manch rechtes Gedankengut gestoßen. Völkl weist auf die gute Vernetzung der SiB unter anderem auch mit „Schweinfurt ist bunt“ hin und stellte fest, dass sich fast alle gesellschaftlichen Gruppen am Widerstand gegen Rechts beteiligen, einzig die Arbeitgeberverbände fehlten. Und auch bei den großen Schweinfurter Firmen blitze man regelmäßig ab, wenn es um Unterstützung gegen Rechts ginge.

Was tun gegen die Ideologie, dass ein Mensch über dem andern stehen könnte, gegen den Wahn sich als Opfer gegen eine ganze Gesellschaft wehren zu müssen und so schnell zum Täter zu werden. Das Fazit des Abends. „Den Mut haben Gesicht zu zeigen, aufzutreten, den Rassismus verurteilen und bekämpfen, mit dem Rassisten selbst aber reden.

 

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