Kontrapunkt zur öden Kulturlandschaft

19.12.2018

Mainpost 19.12.2018

Kolitzheim

Kontrapunkt zur öden Kulturlandschaft

Die ebene oder nur leicht wellige Landschaft zwischen Steigerwald und Main wirkt ausgeräumt. Sie ist zurechtgestutzt auf die Bedürfnisse einer immer industrieller angelegten Landwirtschaft. Kaum noch ein Baum oder Strauch ist zu sehen, ganz zu schweigen von den früher so häufig ins Landschaftsbild eingestreuten Feldhecken.

Dafür stehen jetzt zuhauf so naturferne Elemente wie Strommasten, Fotovoltaik- und Biogasanlagen sowie Windräder in der Landschaft. Wer hier als Spaziergänger oder Wanderer unterwegs ist, kann sich nicht mehr wohlfühlen. Und als Lebensraum für Wildtiere taugt diese Landschaft erst recht nicht mehr.

Mit der Natur arbeiten

Bio-Landwirt Michael Mäuser aus Kolitzheim wird diese Landschaft alleine nicht umbauen können. Doch er setzt ein Zeichen. Auf seinem größten Feld mit drei Hektar hat er mit einigen Helfern eine neue Hecke gepflanzt. Sozusagen als Kontrapunkt zur öden Szenerie, die sich Kulturlandschaft nennt. Michael Mäuser hat sich vor etwa zehn Jahren von der konventionellen Landwirtschaft abgewandt. „Ich versuche mit der Natur zu arbeiten, man kann nicht immer nur rausholen“, lautet sein Leitsatz.

Er will mit seiner Heckenpflanzung mit gutem Beispiel vorangehen und hofft, dass vielleicht einige seiner konventionell arbeitenden Kollegen nachziehen. „Es muss ja nicht gleich eine Hecke sein, ein Blühstreifen ist auch schon was“, sagt Mäuser.

Als Bio-Landwirt sieht der Kolitzheimer nicht nur sein Recht, seine Äcker zu bewirtschaften, sondern auch seine Pflicht, die Ackerkrume vor Schaden zu bewahren. „Auch die Menschen nach uns wollen noch etwas haben, jeder hat das Recht auf saubere Luft und sauberes Trinkwasser“, meint Mäuser.

Lebensraum für Tiere

Eine Feldhecke hat in seinen Augen eine wichtige agrarökologische Bedeutung in der Kulturlandschaft. Sie verhindere Bodenerosion, biete Windschutz, sorge für Wasserrückhalt in der Fläche und vermindere Stoffeinträge in benachbarte Flächen. Tiere nutzen sie als Nahrungs-, Brut- und Ruhestätte. So könne die in der Region arg dezimierte Artenvielfalt wieder etwas zunehmen.

Für die Hecke hat Mäuser rund 500 Quadratmeter Fläche auf dem Feld westlich von Kolitzheim aus der Bewirtschaftung genommen. Dort stehen seit Mitte November insgesamt 260 jetzt noch ziemlich ähnlich aussehende Pflanzen. Wenn sie groß sind, werden Weißdorn, Schlehe, Hartriegel, Schneeball, Haselnuss und Holunder erkennbar sein. Bei der Pflanzung haben dem Kolitzheimer Landwirt Martin Herbig, ein Jäger mit Verbundenheit zur Natur, und Jagdpächter Michael Noppinger geholfen. Ihr Ziel ist es, das Rebhuhn wieder anzusiedeln. Die Pflanzung erfolgte in Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem Bund Naturschutz.

Wegen der langen Trockenheit im Sommer und Herbst konnten die Pflanzen erst relativ spät im Jahr gesetzt werden. Mit dem Güllefass brachten die Heckenpflanzer Wasser aufs Feld, um erst einmal für eine Grundfeuchtigkeit zu sorgen.

Mit rund 500 Euro hielten sich die Ausgaben für das Pflanzgut aus der Baumschule in Grenzen, zumal der Jagdverband die Hälfte übernahm. Was für Michael Mäuser mehr zählt, ist die Arbeit bei Pflanzung und späterer Pflege sowie der Verzicht auf Wirtschaftsfläche.

Unterwegs mit der Wildraumberaterin

Gerade wegen Letzterem wird Mäuser, der einzige Bio-Bauer im Ort, von manchen seiner konventionellen Kollegen belächelt, wie er sagt. Andererseits gebe es unter den Kollegen nicht nur Gegner von ökologischen Projekten. Das hat sich für ihn bei einem Treffen mit der Wildraumberaterin für Unterfranken, Anne Wischemann, gezeigt. Sie sitzt am Amt für Ernährung; Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt und folgte einer Einladung von Edwin Heß, Ortsobmann für Kolitzheim im Kreisverband Schweinfurt des Bayerischen Bauernverbands. Bei dem Treffen haben sowohl Befürworter als auch Gegner von ökologischen Maßnahmen in der Flur ihre Ansichten geäußert.

Es sei zeitweise sehr still gewesen bei der Zusammenkunft. Bei einigen Kollegen hat Michael Mäuser gemerkt, dass sie nachgedacht haben. Vielleicht werde das wenigstens zu einigen einjährigen Blühstreifen mit Klatschmohn, Wiesenherbe, Korn- und Sonnenblume und damit zu neuen Nahrungsquellen für die Biene führen. Die wandere bereits in die Städte ab, weil sie dort mehr Blüten finde als in freier Natur, beschreibt der Landwirt eine skurrile Situation.

Fünf bis acht Jahre Wachstum

Bis sie in voller Pracht steht, wird Michael Mäusers Hecke wohl fünf bis acht Jahre brauchen. Bis dahin muss sie fleißig gewässert werden, wenn es wieder so trocken werden sollte wie in diesem Sommer. Dabei wie auch bei übrigen Arbeiten hilft Mäuser Harald Eisenmann, ein neu zugezogener Kolitzheimer, der Sinn hinter dem Projekt sieht. Auch Eisenmann hat erkannt: „Man sieht nichts mehr in der Natur. Wir sollten bedenken, dass die Natur nicht uns, sondern wir die Natur brauchen.“

Nicht weit weg von der Hecke hat Mäuser ein weiteres Feld, das grün wie im Sommer ist. Diese Winterbegrünung besteht aus Luzernen, die Wildtieren Deckung gibt. Luzernen sind Futterpflanzen, die zwar relativ wenig Ertrag bringen, dafür aber gut sind für das Leben im Boden.

Mäuser augenzwinkernd: „Meine Tierhaltung besteht aus Regenwürmern.“ Sie lockern die Böden auf, die Luzerne bringt Stickstoff hinein. Das spart viel Dünger.“

Lernort für Kinder

Der Acker mit der jungen Feldhecke liegt ziemlich abgelegen. Wenn sie einmal größer ist, möchte Michael Mäuser trotzdem möglichst vielen zeigen, was mit relativ bescheidenen Mitteln in der Flur möglich ist. Vor allem Kinder sollen die Hecke als Lernort erleben.

 

 

 

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