Landwirtschaft im Wandel der Zeiten

18.05.2021

Mainpost 18.05.2021

Gernach

Landwirtschaft im Wandel der Zeiten

Schon im März hat diese Redaktion über den Landwirtschafsbetrieb der Familie Berchtold berichtet, jetzt folgt der Bericht über die Landwirtschaft der Familie Weilhöfer. Auch wenn die Betriebe sehr unterschiedlich sind: Gemeinsam ist ihnen, dass Weichenstellungen, die vor vielen Jahren gefällt wurden, entscheidend für die aktuelle Gestalt des Betriebes sind. Es waren mutige Entscheidungen, gut bedacht, aber doch mit Risiko.

 

Eine mutige Entscheidung der Familie Erna und Lothar Weilhöfer, der Eltern von Alban Weilhöfer: Sie bauten im Jahr 1960 einen neuen Stall in der Langen Gasse, wo auch heute noch das Herz des Betriebes schlägt. 1974 entschloss man sich, eine Maschinenhalle am südlichen Dorfausgang zu bauen. 1992 hatten Elke und Alban Weihöfer den Betrieb von ihren Eltern übernommen.

Im Jahr 2000 entschlossen sich die beiden zu einer Teilaussiedlung: Sie bauten einen Außenklimastall für Mastschweine mit Strohaufstallung. 2002 kam dort noch eine Bergehalle mit Getreideanlage und Strohlager hinzu. Die bisher letzte Baumaßnahme im Jahr 2012 war der Bau eines Außenklima-Geflügelstalls mit Strohaufstallung und Auslauf. Dieser Stall bietet Frischluft und Sonne, Schutz vor Wind und Niederschlägen.

2006 wurde der erste Whisky gebrannt

Um 1970 bewirtschafteten die Weilhöfers etwa 30 Hektar – damals genug zum Leben. In den darauffolgenden Jahren wuchs der Betrieb auf die Größe von etwa 60 Hektar. Die Weilhöfers hatten schon seit drei Generationen das Recht, Schnaps zu brennen; dieses Recht ist bis heute erhalten. So wagte man im Jahr 2006 zum ersten Mal, zusammen mit einem Freund das Experiment, einen Whisky zu brennen. Ein Name war auch bald gefunden: "LoBanGernich", eine Kustwortbildung aus den Vornamen der beiden Whiskyfreunde Lothar (Lo) und Alban (ban) und "Gernich" als eine Mischform aus fränkischen Dialekt für "Gernach".

1970 standen sechs Kühe und vier Bullen sowie  50 Mastschweine im Stall. Jetzt werden etwa 500 Mastschweine auf Stroh gehalten. Dazu kommen eine bunte Schar von Hähnchen, Enten und Gänsen. "Uns ist es wichtig, dass sich die Tiere wohl fühlen, auch wenn es mehr Arbeit macht", sind sich Elke und Alban Weilhöfer einig. Die "Philosophie" der Tierhaltung, der sich die beiden verpflichtet fühlen, ist es, den Tieren eine Umgebung zu bieten, in der sie sich wohlfühlen; dann ist auch die Gewähr gegeben, dass die Qualität stimmt.

Daher füttern die Weilhöfers die Tiere ausschließlich mit Futter, das sie selbst erzeugt haben. Die Schweine, Hühner, Gänse und Enten werden nicht in Rekordzeit schlachtreif, sondern brauchen länger, bis sie geschlachtet werden können. Sie düngen ihre Ackerflächen auch nicht mit Klärschlamm.

Direktvermarktung von Geflügel, Spargel und Whisky

Das Geflügel wird ausschließlich direkt vermarktet, Hochsaison ist der Herbst. Spargel wurde um 1970 auf einer Fläche von 0,6 Hektar angebaut, aktuell liegt die Anbaufläche für Spargel bei drei Hektar. Die Weilhöfers sind stolz, dass die Kunden mit der Qualität ihres Spargels zufrieden sind.  

1952 kauften die Weilhöfers ihren ersten Schlepper, einen Deutz-Traktor mit 15 PS. Zur Zeit laufen vier Schlepper, der größte mit 195 PS.

Elke Weilhöfer ist ein Stadtkind. Daher waren die Eltern von Alban anfangs skeptisch, als die beiden heiraten wollten. Aber spätestens als Elke kurzerhand als Hebamme bei der Geburt eines Schweinebabies einsprang, löste sich die Skepsis auf. Nach der Geburt von Sohn Michael im Jahr 1998 entschied das Paar, dass Elke ihre Berufstätigkeit aufgibt und man in die Direktvermarktung einsteigt, die um das Angebot von Hähnchen, Enten, Gänsen und Wiskey erweitert wurde. Dafür wurden Umbaumaßnahmen im bestehenden Hof nötig, um Platz für die Spargelverarbeitung und einen Schlachtraum für das Geflügel zu schaffen.

Problem ist zunehmende Bürokratisierung

"Natürlich liegt bei uns der Verkaufspreis höher als bei den Billigangeboten im Supermarkt. Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren einen guten Kundenstamm aufgebaut. Orientiert an den Bedürfnissen der Kundschaft sind wir eine Art Gemischtwarenladen geworden: Spargel, Geflügel, Whiskey, Schnaps, haben wir im Angebot", so die Bilanz von Elke Weilhöfer.

Damit "der Laden läuft" sind gute Absprachen wichtig: Elke ist für den Innenbereich, also Verkauf, Einkauf, Buchhaltung zuständig, Alban für den Außenbereich, also die Betreuung der Ställe, Bewirtschaftung der Felder und Pflege der Maschinen.  

Die ständig zunehmende Bürokratie sehen alle Landwirtschaftsbetriebe als Problem. Der Einstieg in die Bürokratisierung der Landwirtschaft begann für die Weilhöfers 1989 mit der Vorschrift, dass jedes Schwein mit einer Schlagnummer versehen werden musste. Rückblickend stellen sie fest, dass sich die Bedingungen für die Landwirtschaft enorm verschlechtert haben.

Der Klimawandel macht Sorgen

Einige Beispiele: Mit dem Verbot von Glyphosat zur Unkrautbekämpfung ist für den Naturschutz nicht viel gewonnen, meinen die Weilhöfers, im Gegenteil: um das Unkraut zu bekämpfen, müssen die Böden häufiger bearbeitet werden. Das zerstört Nistplätze von Vögeln, die Rückzugsorte von Jungtieren und von Niederwild, der Lebensraum der Insekten wird zerstört.

Sorgen macht ihnen auch der Klimawandel: die abnehmenden Niederschlagsmengen auf der fränkischen Trockenplatte bringt manche Pflanzen in Stress, die Erträge werden geringer. Auch wenn man den genveränderten Pflanzen skeptisch gegenübersteht, liegen hier vielleicht Möglichkeiten, die man nutzen sollte.

"Der Bauer gilt in Deutschland nichts, die Wertschöpfung der Landwirtschaft liegt bei Null", so sieht Alban Weilhöfer die aktuelle Lage der Landwirtschaft. Er erinnert sich, dass man in den siebziger Jahren für 20 DM  ein Paar Schuhe bekam, die jetzt 80 Euro (160 DM) kosten.

Ein weiteres Beispiel: Aus 100 Kilo Getreide werden ungefähr 80 Kilo Mehl gewonnen. Damit kann der Bäcker etwa 3000 Brötchen zu je 26 Gramm backen. Wenn jedes Brötchen 30 Cent kostet, beträgt der Erlös 900 Euro. Der Bauer bekommt für den Doppelzentner Getreide zur Zeit etwa 22 Euro.

Flurbereinigung brachte Wandel in der Landwirtschaft

Die ältere Schwester von Alban, Christine Bender, hat im Jahr 1977 eine Facharbeit angefertigt mit dem Thema "Mein Heimatdorf Gernach - Stationen seines Wandels vom Agrardorf zum Pendlerdorf." Darin hat sie auch Erhebungen angestellt über die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe. So gab es im Jahr 1977 in Gernach 37 landwirtschaftliche Betriebe. 22 davon hatten eine bewirtschaftete Fläche bis zu neun Hektar, 19 Betriebe eine Fläche zwischen zehn und 20 Hektar, sechs eine Fläche zwischen 20 und 30 Hektar, größere Betriebe gab es nicht.

Einen bedeutsamen Wandel für die Gernacher Landwirtschaft brachte die Flurbereinigung mit sich, die in den Jahren 1967 bis 1972 durchgeführt wurde: Flächen wurden zusammengelegt, das Wegenetz wurde verbessert. Sie stellt aber auch – schon im Jahr 1977 – fest, "dass viele Vollerwerbsbauernhöfe zu Nebenerwerbslandwirtschaften schrumpften".

Nach aktueller Zählung gibt es in Gernach noch fünf landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe, die natürlich alle größere Flächen haben. Aber reicht das zum Überleben? Kann man den eigenen Kindern guten Gewissens raten den Betrieb weiterzuführen angesichts der aktuellen Situation? 

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