Mit 18 begann der Dienst bei der Mottstaffel

25.04.2017

Mainpost 27.04.2017

GEROLZHOFEN
Mit 18 begann der Dienst bei der Mottstaffel

Man darf ihn als ein echtes Urgestein des Roten Kreuzes in Gerolzhofen bezeichnen. Die Rede ist vom Gernacher Wolfgang Friedrich. Der 77-Jährige ist der letzte noch aktive Rot-Kreuzler aus dem ehemaligen Kreisverband Gerolzhofen. Seit der Gebietsreform im Jahre 1972 gehören die Rotkreuz-Mitglieder bekanntlich dem Kreisverband Schweinfurt an.

„Ich bin doch gar nicht der Letzte“ macht der sympathische Rot-Kreuzler gleich zu Beginn deutlich. Stimmt, aber Andreas Füglein (Michelau) ist nicht mehr aktiv. Friedrich ist es heute noch. Und auch im heutigen Landkreis Kitzingen sind mit den Brüdern Michael und Andreas Stöcklein sowie Josef Helbig noch drei weitere ehemalige Gerolzhöfer Bereitschaftsmitglieder zu finden, die auch noch aktiv sind.
Die vielen Blutspender im Rotkreuz-Haus in Gerolzhofen etwa kennen Friedrich als „Empfangschef“. An ihm kommen sie nicht vorbei. Er registriert seit mehr als einem Jahrzehnt zuverlässig jeden Blutspender. „Nur einmal habe ich in den nun zwölf Jahren gefehlt“, schmunzelt er.

Wie kam er zum Roten Kreuz? Die inzwischen verstorbene Gerolzhöfer Bereitschaftsleiterin Helga Bäuerlein hatte ihn darum gebeten. Wolfgang Friedrich sagte damals spontan zu.

Und dann erzählt er von früher und seine Augen beginnen zu glänzen. Begonnen hat Friedrichs Rotkreuz-Karriere im Jahr 1956, mit einem Erste-Hilfe-Kurs bei Philipp Wachtel.
Nachdem Friedrichs Vater 1956 verstorben war, erbte er dessen Moped, eine alte Hercules. Mit diesem Moped brauste er zu den Diensten in Gerolzhofen.

Mit der Trage auf dem Motorrad

Ab seinem 18. Lebensjahr gehörte er zur Motorradstaffel, genannt „Mottstaffel“ des Roten Kreuzes, die es im Kreisverband Gerolzhofen bis gegen Ende der 1950er Jahre gab. Sie war damals die erste Schnelleinsatzbereitschaft in Bayern. „Jeweils zwei Kradbesatzungen waren ein Trägertrupp und hatten eine zusammensetzbare Trage auf dem Rücken“ erklärt der Gernacher.

Viele Lehrgänge hat Friedrich absolviert. Er erzählt in diesem Zusammenhang lachend vom „Urviech“ Franz Räth. Dieser habe ihm und den Kameraden zusammen mit Leo Fieger viel beigebracht. Dazu gehörte auch der zivile Bevölkerungsschutz (ZB), der später bundesweit vom Roten Kreuz übernommen wurde.

„Wir hatten früher eine ganz große Kameradschaft“, sagt Friedrich. Und nennt ein Beispiel. „Auf der Rückfahrt von einem Dienst haben wir drei Hasen überfahren, eine unserer Damen, die dabei war, machte daraus einen Braten.“ Zum Essen ging es dann in den Weinkeller eines Kollegen. Gut erinnert sich Friedrich an die Dienste auf dem Fußballplatz oder an der Gerolzhöfer Go-Kart-Bahn. Gern war er auch beim „Glückshafen“, der Lotterie vom und für das Rote Kreuz. Diese Lotterie gab es bis ins Jahr 1972.

Die Kameradschaft hält der 77-Jährige auch heute für eminent wichtig. „Ohne Kameradschaft geht es nicht“, ist er sich sicher. Das galt auch für den Dienst in Volkach beim Weinfest. Dort war er viele Jahre dabei. Just in dem Jahr, als Philipp Wachtel in Ausübung seines Dienstes tödlich verletzt wurde, 1971, fehlte er das erste Mal. Eine Fügung des Schicksals? Friedrich blieb trotz des schlimmen Ereignisses weiter ein überzeugter Rotkreuzler.
Einen Einsatz Anfang der 1960er Jahre wird er nicht vergessen. Zusammen mit Helga Strasser fuhr er von der Baracke am Bahnhof in Gerolzhofen, wo die Bereitschaft ihren Sitz hatte, nach Obervolkach. Ein Radfahrer war gestürzt.

Einsatz muss von Herzen kommen

Als die beiden ankamen, war bereits ein Arzt da und versorgte den Radler. Sie fuhren den Verletzten ins Krankenhaus nach Volkach. Nach einem weiteren Einsatz wurden sie erneut ins Krankenhaus nach Volkach gerufen, um den verletzten Radfahrer nach Würzburg zu verlegen. Im Nachhinein „erfuhren wir, dass er es nicht geschafft hat“, so Wolfgang Friedrich auch heute noch nachdenklich. „Das ging mir sehr lange nach“, so der Rot-Kreuzler.

Nicht zuletzt aufgrund solcher Erfahrungen ist sich Friedrich sicher: „Der Einsatz beim Roten Kreuz muss von Herzen kommen. Man bekommt dafür das schöne Gefühl, helfen zu können.“ und das genießt er. „Solange ich es kann, mache ich es gerne“ fügt er an.
In all den Jahren seines ehrenamtlichen Einsatzes war „seine Erna“ eine ganz wichtige Stütze an seiner Seite gewesen, sagt er voller Stolz. „Ohne sie wäre es nicht gegangen“ so Friedrich, der seine Frau 1966 heiratete. Zusammen mit seiner Frau meisterte er die Mehrfachbelastung mit Hausbau, Familie, Arbeit und Ehrenamt.
Friedrichs ganzer Stolz ist sein Dienstbuch, das er hegt und pflegt. Und auch seine vielen Bilder aus einer längst vergangenen Zeit sprechen eine eigene Sprache. Als ehemaliger Busfahrer organisierte er für die Rotkreuz-Kollegen viele legendäre Ausflüge. Den ersten bereitete er 1975 vor. Die letzte Fahrt organisierte er 1997 auf die Insel Rügen.

Der bisherige Gerolzhöfer Bereitschaftsleiter Christian Schad lobt Friedrich: „Er hat eine Vorbildfunktion für Jüngere“ und blickt auf eine „unvorstellbar lange Ehrenamtszeit zurück“. Simon Saar, der neu gewählte Bereitschaftsleiter, freut sich über „die Erfahrung, auf die man zurückblicken kann“.

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