Noch befindet sich der alte „Stern“ im Sinkflug

05.05.2015

Mainpost, 05.05.2015

 

UNTERSPIESHEIM
Noch befindet sich der alte „Stern“ im Sinkflug

Für das verfallende Anwesen, das dem Bund gehört, gibt es jetzt einen Interessenten

Dass Unterspiesheim ein schmuckes Dorf ist, wird niemand bestreiten. An der breiten Hauptstraße reiht sich ein stattliches Anwesen ans andere. Doch mitten im Ort fällt ein Haus durch seinen ruinösen Zustand auf. Es ist die altehrwürdige Wirtschaft „Zum Stern“, die nach und nach verfällt, weil sich niemand mehr um sie kümmert.

Fast alle Fenster des Gebäudes sind eingeworfen. Kinder spielen in dem maroden Haus, was nicht ungefährlich ist. Und auch der eine oder andere Obdachlose hat sich den „Stern“ schon als willkommenes Gratis-Quartier für eine Nacht ausgesucht.

Dabei war das Gasthaus einmal weit über die Grenzen von Unterspiesheim hinaus bekannt. Der letzte Eigentümer, Alfred Kuhn, baute das traditionelle Gasthaus mit Saal und Metzgerei in den 60er Jahren in einen Tanzpalast um, in dem es fast jedes Wochenende Live-Musik gab. Als das nicht mehr so zog, wurde aus dem „Stern“ eine Diskothek.

Doch der Stern des „Stern“ sank trotzdem weiter. Zuletzt fand das geräumige Gasthaus noch eine Nutzung als Unterkunft für Asylbewerber. Das ging bis Mitte der 2000er Jahre erinnert sich Bürgermeister Horst Herbert. Bis zu 120 Ausländer waren hier auf einmal untergebracht. Dann gab die Regierung von Unterfranken das Anwesen als Gemeinschaftsunterkunft auf.

Der letzte Akt: Alfred Kuhn wanderte nach Australien aus und starb dort vor einigen Jahren. Wenn aber jemand im Ausland verstirbt und keine Erben hat oder mögliche Anwärter das Erbe ausschlagen, geht eine Immobilie ins Eigentum der Bundesrepublik Deutschland über. So fand sich der Staat plötzlich als Eigentümer des Stern im Grundbuch.

Für die Gemeinde Kolitzheim ist nun nicht nur der unansehnliche Anblick des Anwesens ein Ärgernis, sondern auch, dass keinerlei öffentliche Forderungen wie die Grundsteuer oder jetzt der Raten der Beiträge für die neue Kläranlage für die Liegenschaft eingehen.

Eine Zwangsversteigerung des Hauses blieb erfolglos. So steht das Gebäude seit Jahren leer und ist unbeheizt. Für die Gemeinde sind die ausgefallenen Einnahmen zwar zu verkraften, doch für gerecht hält Herbert die Zahlungsverweigerung des Bundes nicht. Schon lange hat die Gemeinde den Staat aufgefordert, sich zu kümmern, „doch es geschieht überhaupt nichts“, berichtet Horst Herbert.

Ansprechpartner für die Gemeinde ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), in deren Obhut solche „ererbten“ Immobilien wie in Unterspiesheim liegen. Doch die ignoriert die Bescheide der Gemeinde. Begründung: Auf der Immobilie liegt eine Grundschuld, der Nachlass ist überschuldet und ohne Mittel sei der Nachlassverwalter verhandlungsunfähig.

Im Jahr 2013 wurde der Bundesfiskus als Erbe des Anwesens in Unterspiesheim festgestellt, für das die gerichtliche Nachlassverwaltung angeordnet wurde. Die gerichtliche Anordnung der Nachlassverwaltung führt dazu, dass Ansprüche, die sich gegen den Nachlass richten, nur gegenüber dem vom Nachlassgericht bestimmten Nachlassverwalter geltend gemacht werden können, erklärt Ingrid Sommer von der Bima in Würzburg. Dies betreffe sowohl monetäre Forderungen als beispielsweise auch Ansprüche aus Verkehrssicherungsgründen. Die Anordnung der Nachlassverwaltung führe zu einer Haftungsbeschränkung des Erben auf den Nachlass und greife rückwirkend auf den Todestag.

Der gerichtlich bestimmte Nachlassverwalter, der Schweinfurter Rechtsanwalt Thomas Wolfrum, hat 2014 Antrag auf Eröffnung des Nachlassinsolvenzverfahrens gestellt. Darüber wurde aber noch nicht entschieden.

So will weiter niemand Verantwortung für die Immobilie übernehmen, die verfällt. Erst vor kurzem ist ein Teil des Dachs auf ein Nachbargrundstück gestürzt. „Bei jedem Sturm wird die Lage schlimmer“, sagt Bürgermeister Horst Herbert.

Seit Kurzem gibt es aber einen Hoffnungsfunken in dieser verfahrenen Situation. Rechtsanwalt Gerald Rohé aus Schweinfurt erstellt zurzeit ein Gutachten, das die Frage beantworten soll, ob überhaupt ein Nachlassinsolvenzverfahren für das über Wert belastete Objekt eingeleitet werden kann.

Diese Frage könnte aber hinfällig werden. Denn der Rechtsanwalt berichtet, dass sich ein Kaufinteressent für die Immobilie gemeldet hat, der den alten Stern“ abreißen und ein neues Haus bauen möchte. Über den Kaufpreis sei man sich bereits einig. Es geht jetzt „nur“ noch darum, ob der Kaufinteressent auch die Forderungen der Gemeinde mit übernimmt. Gerald Rohé ist aber optimistisch: „Das könnte jetzt ganz kurzfristig klappen.“

Norbert Finster

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