Nur eine Öllampe beleuchtete die Wohnung der Familie

29.05.2020

Mainpost 29.05.2020

Herlheim

Nur eine Öllampe beleuchtete die Wohnung der Familie

Nach einem zeitweise ungewöhnlichen Leben starb Erich Kempf Anfang Mai dieses Jahres im Alter von 86 Jahren. Seinen Kindern hinterließ er eine, oft bis ins kleinste Detail gehende, autobiografische Beschreibung darüber. So erlebte er in der Kindheit Krieg und Nationalsozialismus, erlernte den Beruf des Zimmermanns, wanderte später nach Australien aus und kehrte nach Deutschland zurück. Auch ein guter Sportler war er. In mehreren Teilen werden wir von den Erinnerungen des Verstorbenen berichten.

Schon Erichs uneheliche Geburt war in der damaligen Zeit unerträglich, ja eine Schande in einem katholischen Dorf. Dazu kam, Mutter Justine war eine Bauerntochter, Vater August ein Knecht. Er hatte bei der damaligen ersten Flurbereinigung in Herlheim Arbeit gefunden. Deshalb war eine Ehe von mütterlicher Seite her nicht vorstellbar. Drei Jahre später fand dann doch eine Hochzeit statt und die kleine Familie konnte zusammen leben. Dies bedeutete allerdings auch einen Umzug, weg von Herlheim. So wohnte Erich bereits in seiner Kindheit an verschiedenen Orten, während andere Dorfkinder oft ihr ganzes Leben lang in ihrem Geburtsort verbrachten.

In Deutschland ging es wirtschaftlich jetzt auch aufwärts und Vater August Kempf arbeitete bei einer Baufirma an wechselnden Baustellen. So war er beispielsweise am Bau der Autobahn Nürnberg-Berlin oder an Schleußen und Kraftwerken eingesetzt. Demzufolge musste die kleine Familie auch immer wieder den Wohnort wechseln. Nur undeutliche erinnert sich Erich an Unterachtal in der Fränkischen Schweiz.

Erinnerungen an die Reichskristallnacht

Sehr gut ist ihm dagegen Schnaittach in der Nähe von Nürnberg im Gedächtnis, wohin die Familie anschließend zog. Hier lebten sie in einfachsten Verhältnissen in einem alten Bauernhaus in einem einzigen großen Raum. Es gab weder Elektrizität noch Wasser. Beleuchtet wurde der Raum mit einer großen Öllampe die an der Decke hing. Das für Leben und Haushalt Notwendige, darunter Wasser, musste in den Raum getragen und natürlich auch wieder hinausgetragen werden. Zur Toilette ging es über den Hof. Nachts wurde dabei eine Taschenlampe benötigt.

Auch erste prägende Ereignisse erlebt der kleine Erich hier, wobei ihm deren Bedeutung erst später richtig klar wurde. Außerhalb des Städtchens führten Soldaten einen Mann mit gefesselten Händen zu einem großen Pfahl und banden ihn fest. Dann hörte der kleine Erich entsetzt ein lautes Kommando, worauf mehrere Uniformierte auf den Mann schossen. In der Reichskristallnacht 1938 wurde der Kurzwarenladen einer jüdischen Frau verwüstet, die dabei auch ums Leben kam. "Am nächsten Morgen sahen wir Kinder eine Menge Waren vor dem Haus und im Hof liegen," so Erich in seinem Lebensbericht.

Umzug nach Eltmann 1939

Eine besondere Sensation war es auch, als ein Zeppelin über den Ort flog. Die auf der Straße stehenden Menschen bestaunten dieses, wie eine riesige Zigarre aussehende, Fluggerät. Im Jahr 1939 zog Familie Kempf nach Eltmann, wo der Vater am Bau von Schleußen und Kraftwerk in Limbach eingesetzt war. In der neuen Wohnung war mit einer Wohnküche und einem separaten Schlafzimmer mehr Platz für die Familie, und es gab elektrischen Strom.

Allerdings lagen die Zimmer im zweiten Stockwerk eines Hauses direkt unter einem nicht isolierten Dach. Somit war die Unterkunft im kalten Winter, nur mit einem Herd, schwer zu beheizen. Wasser, Heizmaterial, einfach alles musste die zwei Stockwerke hochgetragen und so Einiges natürlich auch runtergetragen werden.
Die Vermieter ihrer Dachwohnung betrieben einen Holzhandel. Dabei wurden Baumstämme über Main und Rhein bis nach Holland geflößt. Ein tolles Erlebnis für den 6-jährigen Erich war, als er auf einem Floß bis nach Schweinfurt mitfahren durfte. Zurück ging es dann auf einem Sachser (kleines Motorrad). In Eltmann wurde Erich auch eingeschult und fand den ersten Freund seines Lebens, mit dem er in Stadt und Umland so einiges unternahm.

Vater wurde zum Militärdienst eingezogen

1941 wurde Vater August nach Oberbayern versetzt. Mutter Justine folgte ihm mit der inzwischen geborenen kleinen Schwester Inge. Der achtjährige Erich zog nach Herlheim zu seinen Großeltern auf deren Bauernhof. Auch zwei Tanten und ein Onkel lebten hier. Schon bald nach seiner Ankunft wurde der Onkel allerdings zum Militär eingezogen. So stand Erich sogar ein eigenes Zimmer mit viel Lesestoff zur Verfügung. Auf dem Bauernhof fühlte er sich, trotz der vielen Arbeit sehr wohl.
Nachdem auch sein Vater August zum Militärdienst musste, kehrte Mutter Justine mit Schwester Inge ebenfalls wieder ins Herlheimer Elternhaus zurück.

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