Passivhausträume unterm Scheunendach

11.05.2009

Mainpost 11.05.2009

UNTERSPIESHEIM

Passivhausträume unterm Scheunendach

 

Moderner Wärmeschutz in historischen Mauern: Unterspiesheimer Wohnscheune

Mit der Neugier vieler Besucher kann Markus Ebert leben: Schließlich zeigt der 35-jährige Unterspiesheimer stolz seine alte Scheune, in die er ein hochmodernes Passivhaus bauen ließ. Mitten im Altort hat er sich einen individuellen Wohntraum verwirklicht, der Vergangenheit und Zukunft ideal kombiniert.

 

Als „Fan des Dorfes“ bezeichnet sich der gelernte Elektriker grinsend und liefert damit den Grund, weshalb er sein Eigenheim nicht in das Baugebiet von Unterspiesheim stellte. Denn genau das stand bei ihm und seiner Lebensgefährtin Gabriele Grätz auch zur Debatte. „Aber da sitzt man so auf dem Präsentierteller, kennt die Nachbarn nicht und hat mit dem Autoverkehr auch jede Menge Lärm“, waren für Ebert die Gegenargumente.

Und: Seine Eltern besaßen einen langgestreckten Zwei-Seit-Hof, in dessen altem Wohnhausteil direkt an der Hauptstraße das Paar bereits wohnte. Also baten die jungen Leute ihren Nachbarn, den Architekten und Energieberater Bernd Scheidig, um Rat, zumal dieser selbst sein historisches Gehöft zum komfortablen Wohnen und Arbeiten hergerichtet hatte. Scheidigs Vorschlag: In die am Ende des schmalen Hofes querstehende Scheune von 1836 ein Passivhaus zu bauen, mit modernster Technik, mit sehr viel Licht durch einen Riesengaube und mit Blick nach vorne über das Dorf und nach hinten in den neu gestalteten Garten.

Das Wesentliche am Passivhaus ist: „Es wird nicht über eine Öl-, Gas- oder Holzheizung erwärmt, sondern funktioniert über ein Zu- und Abluftsystem mit Wärmerückgewinnung“, erklärt der Architekt. Dazu gehört eine ordentliche Dämmung, bei Markus Ebert waren es 30 Zentimeter Mineralwolle hinter den 45 Zentimeter dicken Natursteinmauern der Scheune, dazu 17,5er Wände. Und eine Drei-Scheiben-Isolierverglasung der Fenster samt hochgedämmtem Rahmen, so dass der Bedarf an Wärme gering ist. Denn die wird hauptsächlich vom menschlichen Körper geliefert. Das Ganze garantiert stets frische, angenehme Luft im Haus.

Erdwärme nutzen

Die Technik des Passivhauses ist - mit dem Haupteingang, der Diele samt Treppenhaus, Abstellraum und WC - im Erdgeschoss der Wohn-Scheune untergebracht, neben der Durchfahrt durchs Haus. Denn diese führt heute wie früher vom Hof durch das Gebäude in den dahinter liegenden Garten samt Ausfahrt. Der Technikraum beherbergt die Wohnraum-Lüftungsanlage mit Wärmepumpe. „Zur Unterstützung wurde noch eine Soleanlage im Boden gebaut, die die Erdwärme nutzt“, erläutert Architekt Scheidig. Im Wasserspeicher wird Warmwasser erzeugt, auch für die Fußboden-Anwärmung. Die Solaranlage auf dem Dach speist zusätzlich ein, genug für die insgesamt 170 Quadratmeter Wohnfläche in der 14 mal zehn Meter großen Scheune.

Eine gemauerte, mit Holz versehene Treppe führt ins erste Stockwerk, in dem hinter schiebbaren, raumhohen Mattglaselementen ein lichtdurchflutetes, über die ganze Haustiefe laufendes Wohn-Esszimmer plus offener Küche wartet. Richtung Hof öffnet eine hohe Glasgaube das Scheunendach, dessen Pfetten-Dachstuhl erhalten blieb und nur neue Ziegel bekam.

Ein breiter Balkon ermöglicht windgeschütztes Sitzen zum schmalen etwa 60 Meter langen Hof hin. Auf der anderen Wohnzimmerseite wurde ebenfalls die ganze Raumbreite per Glasgaube zum Garten hin geöffnet. Auf dem vorgelagerten, tiefen Balkon sitzt das Paar samt Tochter Lisa in größter Ruhe mit Blick in den optisch vergrößerten Garten, zumal das „Handtuch“-schmale Grundstück mit dem des Nachbarn parkähnlich angelegt wurde.

Komplettiert wird dieses erste Stockwerk noch durch ein Elternschlafzimmer samt begehbarem Schrank und ein Arbeitszimmer. Das Badezimmer bietet Extras wie einen Wäscheabwurf in den Technikraum, in dem auch die Waschmaschine steht, oder eine Tür auf die Terrasse. Eine offene Galerie über dem Wohnzimmer, im zweiten Obergeschoss, birgt weiteren Platz, ein bis unters Dach offenes Kinderzimmer ist hier zudem untergebracht.

„Einfach war der Bau nicht zu bewerkstelligen“, blickt der Architekt zurück. Auch die anspruchsvolle Technik machte daher Fachfirmen auf der Baustelle von Sommer 2006 an nötig. Vor- und Zuarbeiten, etwa den Abriss eines Schuppens hinter der Scheune, oder die Erschließung über den vorderen Hof erledigten die Bauherren mit Helfern selbst.

  

Problemlos genehmigt

An Probleme bei der Genehmigung des Passivhauses in der Scheune kann sich das Paar nicht erinnern. Die Investitionskosten für das „Haus, garantiert nicht von der Stange“, sind angesichts der Dämmung und Isolierung zwar etwas höher, so Architekt Scheidig - im Schnitt spricht man von 13 Prozent - , angesichts explodierender Energiepreise aber bald amortisiert.

Mit dem Einzug im April 2008 ist für das Paar der Hausbau jedoch nicht fertig. „Heuer muss beispielsweise noch der lange Hof gepflastert werden“, weiß Markus Ebert. Trotzdem: „Ich kann das jedem nur empfehlen“, zeigt sich der Bauherr überzeugt.

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