Reporter in Betrieb: Kaminkehrer, die verrußten Glücksbringer

05.09.2020

Mainpost 05.09.2020

Lindach

Reporter in Betrieb: Kaminkehrer, die verrußten Glücksbringer

Unsere Reporterin schlüpft einen Tag in die Rolle eines Kaminkehrers und merkt: Dafür muss man fit sein. Über einen Beruf, der Höhenangst verbietet.

Die angenehme Kühle der Redaktion tausche ich dieses Mal gegen Ruß, knallende Sonne und etliche Treppenstufen. Einen Tag lang begleite ich als Reporter in Betrieb den Kaminkehrermeister Heinz Rock aus Lindach bei der Arbeit und schlüpfe selbst in die Rolle des verrußten Glücksbringers. Rock ist zuständig für den Kehrbezirk Bergrheinfeld sowie für fünf weitere Ortschaften –  rund 2500 Häuser kontrolliert er im Jahr. Für mich hat der 60-jährige mehrere Häuser angefragt, in denen es zu fegen und zu kehren gilt.

Im Kehrbezirk von Rock gibt es rund 60 Prozent Gas-, 30 Prozent Öl- und  10 Prozent Holzheizungen,  erzählt er. "Vor Gasheizungen haben die Leute immer noch Respekt", berichtet Rock. Mittlerweile würden aber vor allem Wärmepumpen und Heizungen, die Biomasse verbrennen, in neuen Gebäuden installiert werden. So auch im Haus des Sohns, Andreas Rock. Es ist die erste Station des Tages. Der 35-jährige ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und hat selbst einen Kaminkehrerbetrieb gegründet.

Staub wird abgesaugt

Im Keller des Hauses öffnet Heinz die Abdeckung zum Kamin, dichtet die Öffnung ab und schiebt danach das Rohr eines speziellen Staubsaugers hinein. "Bei einer staubarmen Reinigung wird der Kamin nach oben und unten abgedichtet, damit kein Staub nach oben entweichen kann", klärt er mich auf. Das sei besser für die Umwelt, denn der Staubsauger erzeuge einen Unterdruck, wodurch der Staub während der Reinigung abgesaugt wird.  

Nachdem ich die Maschine angeworfen habe, gehe ich mit Sohn Andreas und seinem Kollegen Christian Herold auf den Dachboden. Geduckt schlängeln wir uns zwischen mehreren Kisten bis zum Kamin durch. Dort öffnen wir die zweite Abdeckung und ich ziehe mir Handschuhe über. Christian lässt mit geübten Griffen das Kehrgerät in das Loch gleiten und drückt mir die Leine in die Hand. Als erstes soll ich Leine lassen, danach kurz anziehen.

Vorsicht bei Abgasen der Heizungen

Am Kehrgerät sind, abhängig je nach Querschnitt des Kamins, verschiedene Gewichte angebracht. Diese sind bis zu sieben Kilogramm schwer. Das Gewicht am Kehrgerät erinnert mich an eine kleine Bowlingkugel. Damit die Eisenkugel das Ofenrohr nicht beschädigt, ist sie mit Gummi ummantelt. Der Kehrstern, der oberhalb der Kugel angebracht ist, sorgt dafür, dass der Kamin gereinigt wird. Durch meinen Zug befreit der Stern das Ofenrohr von Ruß. 

Doch Schornsteinfeger kehren nicht nur den Kamin, sondern überprüfen auch die Werte der Heizungen – so auch bei meiner nächsten Station, einer Wohnung mit Etagenheizung im Badezimmer. Dort überprüfen wir den Kohlenstoffmonoxidwert der Gasheizung. Der Wert war bei der letzten Kontrolle vor wenigen Wochen deutlich zu hoch, erklärt Rock.

Innerhalb einer kurzen Frist müsse die Heizung deshalb repariert werden. Denn tritt zu viel des unsichtbaren Abgases aus, könne es für den Anwohner schnell lebensgefährlich werden. Dieses Mal passen die Werte und ich tippe sie in ein spezielles Programm auf Rocks Tablet ein. Dadurch sieht er bei jedem Kunden, erklärt er, wann welche Werte gemessen wurden.

Am Ende entscheidet die Nase

Danach steht die Gashausschau an und wir gehen in den Keller zur Gasleitung. Mit einem sogenannten Schnüffler lässt sich überprüfen, ob Gas aus der Leitung strömt. Der Schnüffler sieht aus wie eine Mischung aus Walkie Talkie und Stabfeuerzeug. Langsam fahre ich mit dem Gerät die Leitung ab – die glücklicherweise dicht ist. Letztendlich entscheidet aber immer noch die Nase, findet Rock. "Die ist das beste Messgerät." 

Nach Stationen im Keller, dem Erdgeschoss und auf dem Dachboden fahren Rock und ich weiter zu einem Hochhaus in Bergrheinfeld. Die Arbeit in luftiger Höhe ist die größte Herausforderung des Tages für mich – ich habe Höhenangst. Über eine Leiter im obersten Stockwerk  klettern wir zum Dachzugang. In welcher Höhe Schornsteinfeger zum Teil wirklich arbeiten müssen, wird mir erst bewusst, als ich die Tür zum Flachdach aufstoße und die Luft anhalte.

25 Meter bis zum Boden

Ich bekomme weiche Knie, denn sechs Stockwerke und rund 25 Meter trennen mich vom Erdboden. Der Boden des Dachs ist mit kleinen Kieseln belegt, zwischendurch zieht sich ein Weg aus schwarzen Platten. "Tritt einfach da drauf", sagt Rock, "dann kann nichts passieren." Wir klettern über eine weitere Leiter auf den höchsten Punkt des Hauses, zum Kamin. "Also Höhenangst darf man bei dem Beruf keine haben", schmunzelt Rock. Sobald ich oben stehe, wird mein Mut mit einer tollen Aussicht belohnt und ich kann Kilometerweit in den Landkreis schauen.
Behutsam laufen wir zur Öffnung des Kamins und lassen das Kehrgerät über einen Rollbock in den Kamin gleiten. Als ich das Gerät einhole, bekomme ich das Gefühl, dass das Seil kein Ende nimmt.  "Im Schnitt ist so eine Leine rund 20 Meter lang", klärt mich der Kaminkehrer auf. 
"Also Höhenangst darf man bei dem Beruf keine haben."
Heinz Rock, Kaminkehrermeister aus Lindach
Beim Kehren des Kamins entfernen Schornsteinfeger nicht nur Ruß. Auch ein Bienenstock oder ein Vogelnest kann darin stecken, berichtet Rock.  Angezogen werden die Vögel von der warmen Luft, die aus dem Kamin nach oben strömt. "Das ist für sie wie eine Fußbodenheizung", erklärt er.

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