Seelsorge unter Corona: Schulterzucken, Ablehnung, aber auch Dank

27.04.2020

Mainpost 27.04.2020

Unterspiesheim

Seelsorge unter Corona: Schulterzucken, Ablehnung, aber auch Dank

Seit Wochen müssen auch die Kirchen wegen Corona mit einschneidenden Vorsichtsmaßnahmen leben. Die Priester versuchen mit unterschiedlichen Methoden Seelsorge anzubieten.
Thomas Amrehn ist der katholische Pfarrer für die drei Gemeinden Unterspiesheim, Oberspiesheim und Gernach. Er überträgt im Internet Gottesdienste aus der Unterspiesheimer Kirche und ist mit einem Lautsprecher in den Gemeinden unterwegs, um öffentlich den Angelus zu beten. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen.

FRAGE: Sie leben ja alleine im Pfarrhaus. Wie unterscheidet sich das Alleinleben in Corona-Zeiten vom Alleinleben in normalen Zeiten?

Pfarrer Thomas Amrehn: Der Geschäftsbetrieb des Pfarrbüros fehlt und damit viele Tür- und Angel-Gespräche. Diese werden jetzt aber vermehrt möglich, wenn ich zum Einkaufen gehe oder einen Spaziergang mache. Natürlich sitze ich jetzt viel mehr am Schreibtisch und am Telefon, um Mails und Anrufe zu beantworten. Es ist also nicht einsamer, aber die Kommunikation findet auf anderen Wegen statt. Positiv ist, dass ich irgendwie mehr Zeit finde zum Gebet. Das ist für mich das Frappierende. Vielleicht ist dies als Aufruf an mich persönlich in dieser Krise zu verstehen.

Was hat Sie auf die Idee gebracht, die Streaming-Gottesdienste anzubieten?

Amrehn: Ich wollte vor allem den Älteren eine Mitfeier des sonntäglichen Gottesdienstes in gewohnter Umgebung ermöglichen. Dass das natürlich einen solch hohen technischen Aufwand erfordert, hätte ich niemals gedacht. Von daher gilt den Bild- und Tonmeistern mein herzlicher Dank, denn sie haben sich in die technischen Voraussetzungen und die Mühe der Übertragung dermaßen reingekniet, dass sie mich mitzogen, als ich alles schon abblasen wollte.

Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Angeboten des Angelus-Gebets mit Lautsprecher in den Gemeinden?

Amrehn: Wenn ich an den Werktagen mittags oder abends durch einen Teil der drei Gemeinden gehe, dann erlebe ich Reaktionen, die jeder erfährt, der in der Öffentlichkeit steht, egal ob Klassenleiter oder Bürgermeister: Schulterzucken, Ablehnung, aber auch Dank. Das ist o.k. so. Viele, gerade Ältere, kommen an das Fenster oder an die Grundstücksgrenze und beten ein Vater unser mit. Dann ist auch ein Plausch und Winken aus der Distanz möglich, gerade auch mit den Kindern. Andere sind verwundert und schließen die Fenster, wenn sie mich kommen sehen und hören. Mehrheitlich sind es aber positive Reaktionen, im Sinne von "Hut ab!" oder "Das hätte ich mich nicht getraut." Als ich jüngst von einer Tour zurückkam, stand ein kleines Osternest an meinem Auto.  Das hat mich gefreut, und so vermute ich, dass mein Tun nicht umsonst war und Anklang fand.

Zu den News