Spätrenaissance aus einem Guss

18.02.2009

Mainpost 18.02.2009

HERLHEIM

Spätrenaissance aus einem Guss

Bauexperte Konrad Bedal sieht in Herlheimer Anwesen einmaliges Zeugnis

Kaum zu glauben, aber bis vor wenigen Tagen war das gut 400 Jahre alte Haus in der Herlheimer Ortsmitte noch bewohnt, dem jetzt Honorarprofessor Konrad Bedal Einmaligkeitscharakter für die gesamte Region attestierte. Bedal ist ein anerkannter Experte für europäische Baukultur. Wasser fließt in dem inspizierten Haus nur in der Küche, es gibt keine Heizung, kein Bad und nur ein Plumpsklo über den Hof

 

Die Interessengemeinschaft (IG) für Bauwerkerhalt, Umwelt und Kulturpflege mit Matthias Braun an der Spitze will das Haus unbedingt in seinem historischen Zustand an Ort und Stelle erhalten. Um sich fachmännische Aufklärung über die Bedeutung des in Gipsstein und Kalkmörtel ausgeführten Bauwerks zu holen, hatte die IG Professor Bedal eingeladen, der zum einen Leiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim ist, zum andern am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Universität Würzburg doziert.

Matthias Braun erzählt die Vorgeschichte: Am 23. Dezember 2008 stürzte ein Teil des Daches an der Westseite des Hauses ein, das noch mit Rinnenziegeln aus der Erbauerzeit gedeckt ist. Besitzer Raimund Ebert wollte es jetzt endgültig abreißen lassen, denn er konnte das alte Gemäuer nicht mehr sehen und wollte im Dorf auch nicht mehr schief angeschaut werden, weil er immer noch dort haust.

Aufgeschreckt

Die Denkmalschützer waren ob dieser Pläne aufgeschreckt. Kreisheimatpfleger Longin Mößlein erklärte dem Besitzer erst einmal, dass es sich bei seinem Haus um ein Einzeldenkmal handelt, für dessen Abriss eine Genehmigung nötig ist.

Nach vielen Gesprächen mit Braun und dem Architekten Wolfgang Peichl aus Bergrheinfeld sah der Besitzer ein, dass sein Haus etwas Besonderes darstellt, das geschützt werden muss. Schließlich erklärte er sich bereit, das Haus samt der 1400 Quadratmeter Grundstück an die Interessengemeinschaft zu verkaufen und in die Herlheimer Siedlung umzuziehen.

Der Rundgang durchs Anwesen stellte auch Professor Bedal vor einige Rätsel. So ist die Holzdecke im Dachgeschoss von vorne bis hinten rußgeschwärzt. Vom Kamin alleine kann das nicht kommen. In den Putz eines Fachwerkriegels ist die Jahreszahl 1608 eingeritzt, doch der Kenner entdeckte einige Hinweise darauf, dass das Haus noch älter sein könnte.

Fast alles ist homogen

Die Wände der Räume tragen nur zwei Farbschichten. Die untere und damit ältere ist in ockergelb gehalten, die Farbe der Spätrenaissance (etwa 1560 bis 1610). Das wirklich Frappierende ist, wie auch Bedal bestätigte: Fast alles an dem Haus ist homogen, wie aus einem Guss; angesetzte Elemente aus späteren Bauepochen gibt es nahezu keine. Ausnahme: Das Walmdach zur Straßenseite stammt wohl aus dem Barock, ist also jünger als der übrige Baukörper.

Schnell hatte der Fachmann aus Bad Windsheim auch herausgefunden, dass das Bauholz nicht aus der Gegend kommt, sondern typisches Flößerholz aus dem Frankenwald ist.

Rätselhaft ist für Professor Bedal der repräsentative Raum im Dachgeschoss, der für ein Haus aus dieser Zeit untypisch ist. Hierzu hat Matthias Braun herausgefunden, das Anwesen könnte Wohnstätte eines Schultheißes, also eines Angehörigen der Oberschicht, gewesen sein. Jedenfalls aber war es ein Ebracher Zehnthof, von denen es neun in Herlheim gab. So finden sich im Dachgeschoss des Hauses zahlreiche kleine Kammern, die für Kinder und Knechte, später für die Lagerung von Getreide gedacht waren.

Eine Besonderheit stellt auch die Ritzzeichnung im Dachgeschoss dar. Deutlich zu erkennen ist ein in den Verputz eingravierter Mann in Pluderhosen und mit Federhut, der einen Degen trägt. Professor Bedal sieht in dem Werk eine der ältesten Zeichnungen dieser Art in Franken.

Die Stube im Erdgeschoss ist auffällig niedrig, was vielleicht an der Unterkellerung des Hauses an dieser Stelle liegt. Deutlich höher dagegen der Stall, der über eine Futterkammer mit dem Wohnbereich verbunden ist.

Wer die Bauherrn und ersten Besitzer des Hauses waren, liegt noch weitgehend im Dunkeln. Matthias Braun: „Das Haus könnte der Riel-Hof gewesen sein, der 1586 erstmals erwähnt wurde.“ Erst ab 1703, so Braun, lassen sich alle Hausbesitzer lückenlos bis zur Gegenwart nachweisen.

„Unversehrte Details“

Das Fazit des Fachmanns nach dem Ende der Begehung: Das Haus hat durch unversehrte Details hohe Aussagekraft zur ländlichen Baukultur am Beginn des 17. Jahrhunderts. Es sei wünschenswert das Haus zu erhalten. Denen, die das machen, gelte es jetzt schon zu danken.

Wie soll es nun weitergehen? Zuerst einmal ist die sehr kurzfristig mit dem Projekt Herlindenstraße 32 konfrontierte Interessengemeinschaft als gemeinnütziger Verein auf Spenden angewiesen, um den Kauf und die Sanierung des Anwesens stemmen und dieses seltene Wohnstallhaus für nachfolgende Generationen erhalten zu können.

Für die Erstmaßnahmen, vor allem das Abdichten des eingestürzten Dachteils ist Eile angesagt. Danach können sich die Sanierer etwas mehr Zeit lassen. Für Matthias Braun ist das gar nicht so schlecht, denn dann ist es besser möglich, sich ums Detail zu kümmern.

Spenden für die Sanierung des Hauses können überwiesen werden auf das Konto der Sparkasse Schweinfurt: Bankleitzahl 793 501 01, Konto 812 68 31.

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