Vom Frauenheld zum Krüppel

03.03.2007

Mainpost 3.3.2007

 

Vom Frauenheld zum Krüppel

 

STAMMHEIM Sie zogen mit Uniformen, Musik und Blumen im Gewehrlauf in den Krieg und galten in ihrem schmucken Uniformen vor allem bei der Damenwelt mehr als ein Universitätsprofessor in Zivil. Viele von ihnen kehrten überhaupt nicht mehr oder nur noch als Krüppel zurück. Ein beredtes Zeugnis von den damaligen Ereignissen rund um den Ersten Weltkrieg gibt eine lange verschollene und jetzt wieder entdeckte umfangreiche Chronik aus Stammheim.

 

 

Da ist es für das weit über den Ort hinaus bekannte Museum für Zeitgeschichte naheliegend, als ein weiteres militärgeschichtliches Ereignis beim traditionellen Museumsfrühling heuer den Krieg von 1914 bis 1918 aufleben zu lassen.

„Vom bunten Rock zum Feldgrau“ lautet das Motto der wie immer groß aufgezogenen zweitägigen Veranstaltung am 31. März und 1. April in Stammheim, wo das Militärmuseum und der Verein für Militärgeschichte mit seinen mittlerweile 300 Mitgliedern in der ganzen Welt auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblicken kann.

Über 200 Seiten stark

Die Grundlage bildet die eingangs erwähnte, über 200 Seiten starke Chronik. Sie wurde 1924 begonnen und 1932 abgeschlossen. Das zeitgeschichtlich überaus aufschlussreiche Dokument hatte nach einer jahrelangen Odyssee durch den Einsatz von Altbürgermeister Alfons Moller wieder den Weg nach Stammheim zurückgefunden. Eine Kopie der kunstvoll und häufig farbig gestalteten Blätter befindet sich im Museum. Das Original wird inzwischen wieder im Gemeindearchiv verwahrt.

Akribisch werden zunächst Kriegsentstehung und -verlauf, sämtliche Kriegserklärungen (siehe gesondertes Stichwort), die damaligen Heldengedichte und -gesänge oder die mit dem als „Diktat“ bezeichneten Friedensvertrag von Versailles endenden Friedensverhandlungen aufgeführt. Schließlich folgen die Ehrenblätter für alle Stammheimer Teilnehmer am Ersten Weltkrieg mit genauen Informationen zu ihrem militärischen Einsatz, ihrem Tod, ihrer Verwundung oder ihrer Rückkehr, jeweils versehen mit einem Bild des einzelnen Soldaten. Die Seiten am Ende betreffen die Errichtung der unter dem Kirchenneubau von 1927 in einem kryptaartigen Raum errichteten und am 9. November 1930 eingeweihten Kriegerehrenkapelle sowie die offizielle Stiftungsurkunde des Gemeinderats vom 15. Juli 1932. Das Werk schildert eindrucksvoll wie der Erste Weltkrieg und seine Folgen von den Leuten in der damaligen Zeit empfunden wurden.

Zu den Stammheimer Kriegsteilnehmern gehörte auch der Großvater von Museumsleiter und Vereinsvorsitzenden Günter Weißenseel. Edmund Weißenseel, geboren am 10. Oktober 1892, nahm vom ersten Kriegstag an als „Infanterist der 11. Kompanie des 9. Bayerischen Infanterie-Regiments der 4. Bayerischen Infanterie-Division“ am Frankreich-Feldzug teil. Am 5. Mai 1915 traf ihn laut Chronik im lothringischen St. Mihiel „ein Schrappnell-Geschoss am linken Fuß“.

Knöchel herausgeschossen

Was sich weniger dramatisch liest war die Tatsache, dass ihm der Knöchel herausgeschossen worden war. Am 31. Mai 1916 wurde er schließlich „infolge Dienstunbrauchbarkeit wegen seiner Verletzung“ aus dem aktiven Heer entlassen. Auch seine Brüder Alfons, August, Emil, Josef und Georg leisteten Kriegsdienst. Lediglich der jüngste Bruder, der langjährige Stammheimer Bürgermeister Richard Weißenseel, blieb verschont.

Zu der Großveranstaltung im Rahmen des Museumsfrühlings sind ausdrücklich Darsteller mit Uniformen aus der Kaiserzeit von 1900 bis 1918, aber auch mit französischen Uniformen eingeladen. Aber auch sonst sind das Museum und der Verein für Militärgeschichte daran interessiert, egal ob als Geschenk oder leihweise, Gegenstände aus der damaligen Zeit zur Verfügung gestellt zu bekommen. Seien es Bilder, Postkarten, Briefe, Feldpost, Orden, Ehrenzeichen, Pickelhauben oder eben Uniformen.

Günter Weißenseel: „Vielleicht entwickelt sich daraus ja eine andere oder ergänzende Geschichte zur Stammheimer Chronik, ja vielleicht existiert möglicherweise gar noch eine ähnliche Chronik in einer anderen Gemeinde.“

Zeitgeschichtliche Darstellung

Wert legt der Museumsleiter dabei darauf, dass es hier nicht um eine Verherrlichung, sondern um eine zeitgeschichtliche Darstellung der damaligen Ereignisse geht, die in den „fürchterlichen Stellungskriegen“ endeten.

Kontakt: Günter Weißenseel, Museum für Militär- und Zeitgeschichte, 97509 Stammheim, Tel. (0 93 81) 92 55, E-Mail: info@museum-stammheim.de. Weitere Infos im Internet: www.museum-stammheim.de

Zu den News