Warum Weimar beinahe in Würzburg lag

01.04.2019

Mainpost 01.04.2019

Stammheim

Warum Weimar beinahe in Würzburg lag

Es sind einzigartige Dokumente von unschätzbarem historischem Wert, die in dieser oder einer ähnlichen Form noch nie zuvor zusammengetragen und gezeigt wurden. Sie belegen, dass die Schauplätze die Weimarer Republik nicht weit weg gewesen sind in Berlin oder München, sondern auch vor unserer Haustür lagen, wenn es etwa um das Freikorps Würzburg und den Aufbau der Volkswehr in Bayern geht. Spuren finden sich heute noch in Würzburg, Kitzingen, Volkach oder Gerolzhofen.

Dem Spezialistenkreis des Museums für Militär- und Zeitgeschichte in Stammheim ist es gelungen, seit September mit viel Herzblut die Zeugnisse dieser unruhigen und politisch instabilen Zeit in akribischer Arbeit zusammenzutragen, um sie beim Museumsfrühling 2019 unter dem Motto „Von der Monarchie über die Revolution zur Demokratie – 1918-1919-1920“ der Öffentlichkeit zu präsentieren. 

Seit über 20 Jahren feiert das Museum für Militär- und Zeitgeschichte in Stammheim inzwischen bereits zum Saisonbeginn dieses Frühlingsfest. Schwerpunkt des so genannten „Museumsfrühlings“ ist dabei die Thematisierung und Präsentation eines zeitgeschichtlichen Ereignisses in Form einer Sonderausstellung. Unter dem Titel "Von der Monarchie über die Revolution zur Demokratie" erinnert das Museum am 13. und 14. April an die Nachkriegszeit vor 100 Jahren und die weitreichenden Folgen für das 20. Jahrhundert. Bilder, Schriftdokumente und weitere zahlreiche Exponate geben einen Einblick in die Gründerjahre dieser ereignisreichen Epoche, die als Weimarer Republik in die Geschichte eingehen sollte und in der auch das Frauenwahlrecht im November 1918 erstmals gesetzlich verankert wurde.

Dabei ist es dem historischen Arbeitskreis um Walter Hamm, Fred Vogtmann, Reinhard Kitzing, Peter Hulansky und Walter Hönig auch diesmal gelungen, höchst seltene und interessante Belege aus Mainfranken aufzustöbern. So wird zum  gesamtdeutschen Geschehen, das sich vorwiegend in Berlin und München abspielte, der regionale Bezug hergestellt.

Dazu Walter Hamm: „Für uns war die Aufgabe sehr reizvoll, weil es eben in der Region nur noch wenig Material von damals gibt. Dennoch ist es uns gelungen, vieles zusammenzutragen und dadurch Geschichte lebendig werden zu lassen.“ Weiter fügt er an: „Die Hauptstimmung in Deutschland war damals weder links noch rechts, sondern die Bevölkerung demokratisch gesinnt und gegen die Räterepublik. Deshalb haben wir bei der Zusammenstellung der Sonderausstellung auch versucht, so weit wie möglich, politisch neutral zu bleiben.“

1918 endet der Erste Weltkrieg. Es folgen Hunger, Leid, Aufstände und instabile politische Verhältnisse. 1919 kommt es zu einer großen Zäsur in der Geschichte Deutschlands. Die alte, vom Adel geprägte Herrschaftsform wird zur Demokratie, zur Weimarer Republik, umgestaltet. Konservativen konkurrieren mit den Kommunisten. Besonders die Spartakisten haben sich eine Revolution nach russischem Vorbild auf die Fahne geschrieben. Vereitelt wird dies durch eine von der überwiegenden Mehrheit der Bürger und den demokratischen Parteien getragene Gegenreaktion, die sich in Freikorps genannten  Selbstschutzverbänden organisiert.

Es sind bewaffnete Freiwillige außerhalb des Heeres, bei denen es sich größtenteils um ehemalige Kriegssoldaten handelt, die Sicherheit, Ruhe und Ordnung gewährleisten sollen. Sie etablieren sich dabei rasch als innenpolitischer Machtfaktor. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags müssen im Sommer 1919 alle Freikorps wieder aufgelöst werden. Einige Kontingente werden daraufhin in die vorläufige Reichswehr überführt, die übrigen gehen bis Mitte 1920 in legale, halblegale und illegale paramilitärische Verbände über.

Am Beispiel von Würzburg und Unterfranken wird diese gesamtdeutsche Entwicklung beim Museumsfrühling aufgezeigt und so auf die Region heruntergebrochen. Der „rote“ Arbeiter- und Soldatenrat wird in der Stadt am Main durch die schnelle Reaktion von Bürgern und ehemaligen Frontsoldaten, mit einer relativen geringen Opferzahl beiderseits, entmachtet. Würzburg ist somit die erste größere Stadt in Bayern, die sich von den Bolschewiken befreit. „An die fränkischen Fahnen ist Bayerns Schicksal geheftet. Diesen Fahnen Heeresfolge zu leisten, ist Ehrenpflicht aller waffenkundigen Franken“, heißt es so 1919 in einem Aufruf des „Werbeausschuß Freikorps Würzburg“ zur Anwerbung weiterer neuer Mitglieder, um die Kommunisten vor allem auch in München und Südbayern wieder zurückzudrängen.

Der damalige Würzburger Bürgermeister Andreas Grieser nutzt dieses Ereignis, um Würzburg neben Weimar und weiteren Städten als Sitz der Deutschen Nationalversammlung ins Gespräch zu bringen. Eine letztendlich vergebliche Initiative, sonst wäre aus der Weimarer wohl eine Würzburger Republik geworden.

Die demokratisch gewählte bayerische Regierung in München flieht vor den sich gewaltsam an die Macht geputschten "Räten" nach Bamberg. Daraufhin erlaubt die bayerische Regierung nun den Zusammenschluss von ehemaligen Frontkämpfern und demokratisch gesinnten Bürgern zu Freikorps. Nach dieser offiziellen Erlaubnis entsteht das Freikorps Würzburg.

Die einmalige Sonderausstellung zum Museumsfrühling versucht die Bedeutung des Würzburger Freikorps für den süddeutschen Raum darzustellen. Mit rund 1700 Mitgliedern ist das größte Freikorps in Bayern auch an der Wiederherstellung der Ordnung in München und Schweinfurt beteiligt. Auch Freiwillige aus Volkach, Gerolzhofen und Stammheim lehnen sich gegen die Kommunisten auf, wie interessante Berichte aus dieser Zeit belegen. Der Gerolzhöfer Ferdinand Klüber bringt so im September 1920 eine Ehrenurkunde vom "1. Landesschießen der Einwohner-Wehren Bayerns" in München mit nach Hause.

Die „Marschgruppe Würzburg“, eine angegliederte Einheit, ist später bei der Niederschlagung kommunistischer Aufstände in Thüringen im Einsatz. Ihre Angehörigen kommen vornehmlich aus den Würzburger Studentenverbindungen und von der Universität. Darunter befindet sich auch eine größere Anzahl jüdischer Studenten und Mitbürger. Auf deren Schicksal unter den nationalsozialistischen Machthabern wird ebenfalls in der Sonderausstellung eingegangen.

Auch der Stammheimer Bürgermeister Lorenz Stühler wird in den damaligen Revolutionstagen aktiv. In einer Rede, die er im März 1919 in der Würzburger Residenz hält, warnt er: „Wenn aber Spartakisten aufs Land kommen sollten, so werden diese den Kürzeren ziehen.“ Bei der Reichstagswahl 1920 kandidiert Stühler im Wahlkreis Franken für die Partei „Fränkisches Landvolk“. Stühler ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die damaligen Ereignisse auf die hiesige Region ausstrahlen.

Die Sonderausstellung „Monarchie – Revolution – Demokratie" ist bis Saisonende am 31. Oktober 2019 im Stammheimer Militärmuseum zu sehen.

 

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