Wenn Geschichten lebendig werden

04.09.2007

Mainpost 4.9.2007

 

KOLITZHEIM

Wenn Geschichten lebendig werden

 

Wenn Agnes Ress den Buchdeckel aufschlägt, werden Geschichten lebendig. Dann feiern die sieben Zwerge mit Schneewittchen fröhliche Gelage, dann erlebt Sindbad seine Abenteuer auf hoher See, dann spukt es im Geisterhaus. Die Kolitzheimerin sammelt Bühnenbilderbücher, auch ,,Pop-Up-Bücher" genannt.

Die Leidenschaft für diese Art von Büchern begann vor fast 20 Jahren. Agnes Ress ergatterte ein Bilderbuch, in dem man mittels eines Schiebers entweder die Sommersonne scheinen oder den grimmigen Winter Einzug halten lassen konnte. ,,Für brave Kinder" hieß es. Daran kann sich die 72-Jährige noch genau erinnern.

Aufwändige Falttechnik

Zu Büchern hat Agnes Ress seit jeher eine Affinität. ,,Ich habe schon immer gerne gelesen", sagt sie, und schränkt dann gleich ein: ,,Aber keine Romane." Lieber hat sie Märchen. Und da haben es ihr besonders die ,,Pop-Up-Bücher" angetan. Dabei fasziniert sie nicht nur die Geschichte selbst, sondern auch die Technik. Denn bei dieser Art von Büchern springt beim Aufschlagen einer Seite ein durch aufwändige Falttechnik integriertes Element heraus und lässt die Illustration dreidimensional erscheinen. Häufig kann man mit kleinen Papphebeln sogar noch in das Szenario eingreifen und etwa Fenster, Türen und Schränke öffnen oder Figuren bewegen.

Mittlerweile hat Ress um die 50 solcher Bücher zu Hause. Märchen und Erzählungen wie die von Schneewittchen, von Sindbad oder Buffalo Bill. Aber auch einen Zoologischen Garten, eine Spukhaus, ein viktorianisches Puppenhaus, sogar einen Adventskalender nennt sie ihr Eigen. Meistens sind es Nachdrucke von alten Originalen, denn Bücher dieser Art gab es bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf Flohmärkten, so erzählt Agnes Ress, tauchen ,,Pop-Up-Bücher" so gut wie gar nicht auf. Dafür aber hat sie bereits aktuelle Bücher dieser Art beim Discounter gefunden.

,,Es ist Zufall, wenn man eines bekommt", sagt sie. Und wenn dieser Zufall eintritt, schlägt sie zu. ,,Andere gehen zum Essen, ich kaufe mir so ein Buch", meint sie und schmunzelt: ,,Es ist ein Hobby, mehr nicht. Eine Spinnerei." Ihre Enkel sind mittlerweile 15 und 13 Jahre alt. Die Zeit, in der die sich von Omas Verwandlungsbüchern verzaubern ließen, ist eigentlich um. ,,Doch die Kleine macht immer nochmal eines auf", verrät Agnes Ress.

Beim Dorfmarkt in Kolitzheim am Sonntag, 9. September, können Alt und Jung eintauchen in die dreidimensionalen Märchenwelten von Agnes Ress. Denn dann zeigt sie ihre Sammlung im Künstlerhof ,,ARTenreich".

Und noch ein Kolitzheimer setzt beim Dorfmarkt märchenhafte Akzente: Alfred Lang. 14 Märchenmotive hat der Hobbymaler in den letzten Wochen zu Papier gebracht. In seinem Kelleratelier liegen sie ausgebreitet.

Der böse Wolf und andere

Hier tanzt Rumpelstilzchen übermütig um das Feuer, dort pirscht sich der böse Wolf an die sieben Geißlein heran, und noch woanders bringen die Bremer Stadtmusikanten ihr Ständchen. Die Hexe hat auch bereits ihre Schere gezückt, um Rapunzels Zopf zu kappen. Doch verglichen mit ihren Kollegen aus der Grimm'schen Märchenwelt wirkt sie noch etwas farblos. Denn bislang ist sie noch nicht ausgemalt, treibt nur als Bleistiftskizze ihr Unwesen.

Wie viele Stunden er an den Bildern gearbeitet hat, vermag Alfred Lang nicht genau zu sagen: ,,Ich kann nur malen, wenn ich Lust habe. Auf Kommando geht es nicht. Doch wenn ich einmal drüber bin, bleibe ich auch drüber." Zum ersten Mal ist er vor vier Wochen mit Stift und Pinsel eingedrungen in die Märchenwelt. Für den Kindergarten hat er die sieben Zwerge gemalt. Doch dann haben Christine und Rudi Bender, die Organisatoren des Dorfmarktes, das Bild gesehen und Lang überzeugt, sich auch noch anderen Märchenmotiven zu widmen. Die werden am Sonntag über das gesamte Dorf verteilt zu sehen sein und auch Bestandteil eines Märchen-Rätsels sein.

Die Arbeit mit der Farbe liegt dem 67-Jährigen im Blut. Der gelernte Maler und Lackierer entdeckte recht schnell auch sein Faible für die künstlerische Malerei. Er hat manches ausprobiert, sich eine Zeit lang auch mit dem Schnitzmesser versucht. Die Bilder, die die Wände in seinem Haus zieren, sprechen von vielfältigem künstlerischen Interesse. Ansichten fränkischer Ortschaften, Blumen, Stilleben. ,,Ich habe nichts bevorzugt", so Lang. Zumindest motivlich. Bei den Maltechniken hat er sich zuletzt vor allem der Aquarellmalerei und der Arbeit mit Acryl- oder Dispersionsfarben verschrieben.

Guter Zweck

Und wenn der märchenhafte Bauernmarkt vorbei ist, werden Rapunzel, die sieben Raben, der Hase und der Igel, die Prinzessin auf der Erbse sowie ihre Kollegen noch einem guten Zweck dienen. Wer sein Herz an eines der farbenfrohen Märchenmotive verloren hat, kann es mit nach Hause nehmen - gegen eine Spende für den Kindergarten.

 

 

 

 

 

Zu den News