Wir hatten schwere Zeiten, aber im Rückblick bin ich dankbar"

06.07.2020

Mainpost 06.07.2020

Gernach

"Wir hatten schwere Zeiten, aber im Rückblick bin ich dankbar"

 

Anita Berchtold aus Gernach hat in ihrem Heimatort Löffelsterz den Zweiten Weltkrieg erlebt.  An diese Jahre erinnert sich die heute 91-Jährige im Gespräch mit der Main-Post.

In loser Folge berichten wir aus dem Raum Gerolzhofen und Schweinfurt über die Erlebnisse der älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich noch an die Zeit während des Zweiten Weltkrieges und die Zeit unmittelbar danach erinnern können. Ihre Geschichten und Erfahrungen, häufig von Angst und Ungewissheit gekennzeichnet, sollen Mut machen, den Herausforderungen der aktuellen Corona-Krise und überhaupt den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Wir haben mit Anita Berchtold  aus Gernach (Gemeinde Kolitzheim) über ihre Erlebnisse gesprochen.

Frage: Frau Berchtold, wenn Sie an die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurückdenken: Was ist Ihre eindrücklichste Erinnerung ?

Anita Berchtold: Ich war die zweite in der Reihe meiner drei Geschwister. Mein älterer Bruder Bernhard war noch nicht einmal 17 Jahre alt, als er 1943 zur Wehrmacht einrücken musste. Wir wussten lange Zeit nicht, wo er war. Dann erhielten wir eine frankierte Postkarte, die in Angerburg in Ostpreußen aufgegeben worden war. Nach dem Krieg stellten wir dann Nachforschungen an und einer seiner Kameraden, zu dem wir über den Suchdienst des Roten Kreuzes gefunden hatten, erzählte uns, dass er ihn zum letzten Mal am 16. Januar 1945 gesehen habe, beim Übersetzen von Soldaten mit einem Schlauchboot über einen Fluss. So musste er mit 18 Jahren sein Leben lassen. Diese Sorge um meinen ältesten Bruder und die Ungewissheit über sein Schicksal hat unsere Familie sehr belastet. Bernhard war der Älteste, er sollte den elterlichen Hof übernehmen. Immer wieder dachten wir an ihn, wir hofften inständig: "Hoffentlich kommt er bald wieder."

Wie sah Ihr Leben in der Zeit des Krieges und danach aus?

Berchtold: Unser Hof umfasste etwa zehn Hektar. Wir alle mussten mithelfen. Zu essen hatten wir immer genug. Sorgen machten wir uns aber um unsere Mutter. Sie war ab Anfang 1944 ein halbes Jahr herzkrank. Der Arzt kam mit dem Pferdefuhrwerk vorbei. Mit 14 Jahren musste ich unsere fünf Kühe melken und füttern. Der Vater arbeitete im Wald, sodass der Haushalt in der Zeit der Krankheit meiner Mutter von mir erledigt werden musste. Ich wundere mich heute noch, wie ich das geschafft habe – mit meiner eher zierlichen Gestalt.

Sie wohnten damals in Löffelsterz. Wie haben Sie das nahende Kriegsende erlebt?

In den letzten Tagen des Krieges kamen bei uns in Löffelsterz viele deutsche Soldaten vorbei, teils noch in Uniform, teils mit Kleidern, die sie irgendwo bekommen hatten. Unser Hof lag am Rande der Ortschaft, deshalb suchten sie gerne bei uns Zuflucht. Sie versteckten sich, um nicht von linientreuen Soldaten entdeckt zu werden, denn ihre Entdeckung hätte die sofortige Erschießung zur Folge gehabt. Um sie zu ernähren, haben wir in dieser Zeit den Brotteig mit Schrot gestreckt, um genug für alle zu haben. Die Soldaten kamen auch noch, als die Amerikaner schon einmarschiert waren. Kartoffeln hatten wir genug. Meine Mutter hat dann immer einen großen Topf mit Kartoffeln gekocht und hingestellt. Die Soldaten haben diese Kartoffeln dann mit bloßen Händen gegessen – froh, überhaupt etwas zu bekommen.

Wie kamen Sie mit den Amerikanern zurecht?

Die Amerikaner kamen am 19. oder 20. April 1945 nach Löffelsterz. Lebhaft erinnere ich mich noch an die Wallfahrt am Markustag, 25. April, in die Nachbarortschaft. Alle waren sehr froh, dass der Krieg zu Ende war, und dass die Amerikaner diese Wallfahrt genehmigt hatten. Mein Vater musste die Tuba spielen – so blieb mir die Aufgabe, die Kühe zu füttern.

Kamen auch Flüchtlinge nach Löffelsterz?

Ja, daran kann ich mich lebhaft erinnern. Es waren mehrere Familien mit Kindern. Bei uns waren keine untergebracht, weil wir selbst mit unserer Familie in sehr beengten Verhältnissen lebten.

Welche Rolle spielte die Kirche während des Krieges in Ihrem Leben?

Ab 1939 bekamen wir einen neuen Pfarrer, der war sehr streng in der Schule. Er gab uns aber durch seine klare Haltung jedoch starken Halt und Orientierung. Der Gottesdienstbesuch jeden Tag um 7 Uhr vor der Schule war selbstverständlich. Bei uns in der Familie wurde auch regelmäßig gebetet, vor und nach Tisch, der Engel des Herrn und der Rosenkranz.

Wie gute waren Sie zu Kriegszeiten mit Nahrung versorgt?

Wie gesagt, wir hatten meist genug zu essen, bis auf die Zeit, in der die Soldaten sich versteckten und viele von ihnen an unserem Hof vorbeikamen, und wir ihnen zu essen gaben. Nudeln konnten wir selbst machen, Fleisch machten wir in Dosen ein und schufen uns so einen Vorrat. Die Bratheringe konnte man im Geschäft offen kaufen, 20 Pfennig kostete das Stück. "Mit viel Brühe", bat ich unseren Kaufmann, denn ich trank die Brühe gern auf dem Heimweg aus der Schüssel – die mochte ich gern. Sauerkraut machten wir selbst ein  - jedes Jahr einen Zentner. Das Kraut wurde im Krautfass aufgehoben. Eine Besonderheit in Löffelsterz war, dass es das Braurecht gab: so brauten sich alle, die das Braurecht hatten, bis zu zehn Hektoliter Bier jedes Jahr. Das war dann das Standardgetränk. Most wurde weniger getrunken. Das Bier wurde im örtlichen Brauhaus gebraut, zu meinen Aufgaben gehörte es, das Bier mit der Bütt, die ich auf dem Rücken hatte, und die 20 Liter fasste, nach Hause zu tragen.

Wie ging es nach dem Krieg weiter?

Ich kam im April 1958 nach Gernach, in diesem Jahr heiratete ich meinen Mann Vinzenz. Er erzählte mir davon, dass sein Vater, Michael Berchtold, in der Zeit des dritten Reiches drei Tage im Gefängnis in Schweinfurt einsaß. Er war Mitglied in der Kirchenverwaltung, und er hatte sich – mit anderen – gegen die Abnahme der Gernacher Glocken gewehrt, und war deshalb festgenommen worden. Seine Frau Margarete wurde in Schweinfurt bei den Behörden vorstellig und ihr gelang es, dass ihr Mann nach drei Tagen wieder freigelassen wurde. Diese drei Tage seien für ihren Mann, der damals etwa 45 Jahre alt war, und seine Kinder drei Tage voller Angst und Schrecken gewesen. Immer wieder habe er von den Schrecken dieser drei Tage erzählt.

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückschauen – was war Ihnen wichtig ?

Ich bin jetzt 91 Jahre alt. Rückblickend wundere ich mich immer wieder, wie ich all diese schwierigen Zeiten durchgestanden habe. Eine Kraftquelle war mir dabei der Zusammenhalt der Familie, aus der ich stamme, und der Familie, die ich mit meinem Mann zusammen gegründet habe. Auch der Glaube und das Gebet haben mir viel Kraft gegeben. Ich bin sehr dankbar für alles, was mir im Leben auch geschenkt wurde: die Gemeinschaft mit meinem Mann, die Kinder und Enkelkinder, die alle ihren Weg gehen. Schließlich kann nicht jede Mutter sagen, dass sie vier Kinder hat, die alle Meister in einem Beruf sind.

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