Zarter Glockenklang und Engelshaar

24.12.2008


Mainpost, 24.12.2008

Zeilitzheim

Zarter Glockenklang und Engelshaar

Weihnachten, wie es früher war – Die 82-jährige Regina Paul aus Zeilitzheim erinnert sich

Die Augen von Regina Paul aus Zeilitzheim beginnen zu glänzen. „Ja es ist lang her“, sagt die 82-Jährige versonnen. Dann ist sie einen Moment still. Plötzlich lächelt sie und sagt: „Weihnachten, Weihnachten, wenn die Bauern schlachten, warn sa a an mir gedenken und wern mir a a Wörschtla schenken? Dieser Spruch war oft zu hören, als ich noch klein war“, erinnert sie sich. Damals war es üblich, dass drei bis vier Tage vor Weinnachten geschlachtet wurde.

„Dann“, so Regina Paul, „bettelten zum Beispiel Taglöhner, Vieh- oder Gänsehirten bei den Bauern. Entweder gingen sie selbst betteln oder sie schickten ihre Kinder. Sie hatten Eimer aus Emaille dabei, in die die Suppe kam. Manchmal erhielten sie auch Krautwürste. Die Leberwürste behielten die Bauern für sich. Nur dem Pfarrer und dem Lehrer gaben sie welche“, sagt die 82-Jährige.

An Weihnachten sollte es an nichts mangeln. Vieles war frisch und kam an diesem Tag und an den Feiertagen auf den Tisch. Bei Regina Paul gab es traditionell am Heiligen Abend weißen Pressack, Weißbrot und Senfgurken. „Meine Mutter ging in die Kirche und konnte daher nichts anderes kochen“, sagt sie.

Am ersten Feiertag Braten

Am ersten Feiertag servierte die Mutter mittags Schweinebraten, Klöße und Blaukraut, abends Bratwürste, Kraut und frisches Weißbrot. „Es war sehr gut. Die frische Darmwurst wurde, wenn es das Wetter zuließ, am offenen Fenster vor dem Räuchern getrocknet. So mancher Halbstarker bediente sich bei Nacht und Nebel“, erläutert sie. Am zweiten Feiertag gab es mittags Kotelett mit Kartoffelsalat.

Den Christbaum kaufte die Familie von Regina Paul bei einem fahrenden Händler aus Herlheim. „Er kam mit Pferd und einem eisenbereiften Brückenwagen, der voll beladen war mit Christbäumen. Auf dem Marktplatz bot er sie an. In der Regel waren es Fichten. Sie wurden erst am Heiligen Abend geschmückt und standen in der „guten Stube“. Die Bäume hielten relativ lange, da dieses Zimmer nur an Sonn- und Feiertagen geheizt und genutzt wurde. „Geschmückt war der Christbaum mit selbst gebastelten Sternen aus Gold- und Silberfolie, Papier und ganz feinen Figuren aus Glas wie zum Beispiel mit Nikoläusen, Trompeten, Kugeln, die teils bemalt waren, Engeln, Vögeln mit Schwänzen aus Glasfaser, Tannenzapfen und Fliegenpilzen. Alles sehr bunt. Besonders gut gefiel Regina Paul die Spitze. Auch sie war aus Glas und bestand aus drei Kugeln, die jeweils in der Mitte eine Vertiefung hatten. An ihr hing ein etwa zehn Zentimeter langes „Engelshaar“. „Es hieß, das Christkind und die Engel waren da. Als sie schnell wegfliegen mussten, verloren sie das Haar“, erläutert sie. Zum Schluss wurde das Lametta aufgehängt, die Kerzenhalter angebracht und Kerzen hineingesteckt. Oft waren sie rot, weiß und lila.

„Elektrische Beleuchtung gab es damals noch nicht. Das Lametta wurde wieder verwendet. Jeder einzelne Faden, wenn die Weihnachtszeit vorbei war, vom Baum genommen, sorgfältig aufeinander gelegt und der Strang mit den einzelnen Fäden mit Papier umwickelt“, erzählt die 82-jährige.

Die Bescherung fand bei der Familie von Regina Paul nach dem Gottesdienst gegen 19 Uhr statt. Die Kinder stellten sich vor der Wohnzimmertür auf und warteten, bis das Glöckchen erklang. Die Tür öffnete sich. Sie gingen hinein. Weihnachtslieder wurden gesungen. Danach verteilte die Mutter die Geschenke. „Sie waren in Weihnachtspapier eingepackt und es war ein Mäschla rum. Meistens gab es nützliche Dinge wie Socken, Mützen oder Schals. Spielzeug war selten dabei“, sagt die Zeilitzheimerin.

Geschenke verschwanden

In vielen Familien verschwand das meiste nach der Weihnachtszeit. Den Kindern wurde gesagt, das Christkind hätte es wieder abgeholt. Im nächsten Jahr stand es, zum Teil erneuert, wieder auf dem Gabentisch. Die Puppe hatte ein neues Kleid, das Schaukelpferd wieder einen Schwanz.

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