Ziegelsteine und Solarpaneele für die Steppe

18.05.2019

Mainpost 18.05.2019

Zeilitzheim

Ziegelsteine und Solarpaneele für die Steppe

Vor knapp 800 Jahren muss es in Karakorum ähnlich geschäftig zugegangen sein wie heute am Ortsrand von Zeilitzheim. Die Hauptstadt des mongolischen Weltreichs war nicht nur bekannt für den Silberbaum, eine wundersame Zapfanlage im Palast, aus der, laut dem staunenden Touristen Wilhelm von Rubruk, allerhand Drinks mit "Drehzahl" sprudelten (Bier, Wein und vergorene Stutenmilch). Die Multikulti-Metropole "Charchorin" bestand außerdem zu großen Teilen aus Lehmziegeln, die in großen Rundöfen gebrannt wurden.

Seit 1578 im Familienbesitz

Etwas jünger ist das Ziegelwerk Englert schon, das an diesem Tag von einer Delegation aus der Mongoleibesucht wird. Ton gebrannt wird in Zeilitzheim seit 1578, heute befindet sich der Betrieb in Familienbesitz. Eine Woche lang sind rund zwanzig Ingenieure und Bauexperten in Franken unterwegs, um sich über nachhaltiges Bauen zu informieren, im globalen Ringen mit dem Klimawandel: rund um Tsogtoojav Erdenebat Verbandsvertreter und Direktor der Firma "Delta Construction" in Ulan-Bator sowie Dorj Namsrai, Präsident der Vereinigung der mongolischen Bauplaner. Der Chef von "Building´s Technology" engagiert sich seit Jahren für Nullenergiehäuser und alternative Energieversorgung: für einen rohstoff- und chancenreichen Binnenstaat, in dessen Städten nach wie vor riesige Kohlekraftwerke qualmen.  

"Einer muss bei uns den Anfang machen", sagt der Öko-Pionier, der ("noch vor der Wende") in Magdeburg Maschinenbau studiert hat. Mit dabei ist Richard Köth, Bürgermeister von Schwanfeld: Man kennt sich vom letzten Sommer, als eine Gruppe Schwanfelder die Kooperationsgemeinde Altan Bulag besucht hat, unweit Ulan-Bator. Es bringe ja nichts, wenn Deutschland oder die EU allein Klimaschutz betreibe, meint Köth, als Ingenieur selbst vom Fach. Man könne schon durch Kontakte auf kommunaler Ebene dazu beitragen, dass aufstrebende Länder wie die Mongolei Fehlentwicklungen vermeiden. Diese "Graswurzel-Strategie" wird vom befreundeten Dolmetscher und Wahl-Münchner Eegi Amar unterstützt, der mit dem bfz-Kollegen Mighel Miccoli die Bustour begleitet: im Auftrag der "Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft."

Ein nachhaltiger und langlebiger Baustoff

Bei Stefan Englert, den kaufmännischen Leiter in Zeilitzheim, sind die Besucher an der richtigen Adresse: "Der Ziegel ist einer der nachhaltigsten Baustoffe, die es gibt", wirbt Englert, der zusammen mit Fred Krauß (vom Verkauf) durch die Anlage führt, zu Förderbändern, Mischwerk, Schneidanlage und Brennofen. Fehlender Abfall in der Herstellung, die regionale Verfügbarkeit von Lehm und Keuper, gute Schallschutz- oder Dämmeigenschaften, all das spricht aus seiner Sicht für das langlebige Produkt. In der Firma werden sowohl komplette Wände als auch einzelne Ziegelsteine fabriziert, zur unterschiedlichen Verwendung. Zellulose im Roh-Material hinterlässt beim Brennen Luftbläschen, die zur Wärmedämmung beitragen. Bauberater Manfred Mai referiert über das Trendthema "Nachhaltigkeit", über "soziokulturelle Leistungsfähigkeit" (Nutzerfreundlichkeit) von Gebäuden oder die Ökobilanz: Aus Tongruben etwa werden Biotop-Teiche. Die Tabellen zu den Vorgaben der Energie-Einsparverordnung erinnern den Laien ein wenig an mongolische Vertikalschrift. In der Steppe geht es etwas rustikaler zu. Erdbeben, Wind, sibirische Kälte im Winter: das müssten Baustoffe dort aushalten, sagt Experte Dorj Namsrai.

Sibirische Kälte aber auch 300 Sonnentage in der Mongolei 

Dafür gibt es heiße Sommer und jährlich mehr als 300 Sonnentage: In den Touristen-Camps und Jurten der Nomaden sind Solarpaneele entsprechend weitverbreitet. Was am nächsten Tag Stefan Göb gerne hört, Geschäftsführer des Wernecker Photovoltaik-, Speichertechnik- und Wärmepumpen-Ausrüsters NE Solar Technik.  Im Gewerbegebiet werden 150 000 Watt Eigenleistung erzeugt, für den Strombedarf und das Solar-Auto, aber auch zur Versorgung Wernecker Haushalte. Die Wärme trägt eine Pelletsheizung bei. Besichtigt wird ein innovativer Legehennenstall in Eßleben, mit PV-Anlage und Stromspeicher. Es geht beim Thema Nachhaltigkeit aber nicht nur um den aktuellen Stand der Technik. Richard Köth erinnert bei der Begrüßung außerdem an Alexander Gerst (deutscher Kollege des mongolischen Sojus-Kosmonauten Dschügderdemidiin Gürragtschaa). "Astro-Alex" hat beim Rundflug  mit der ISS keine Mauern gesehen. Sondern nur den einen, kleinen Planeten Erde, dessen Klima und Umwelt sich momentan nicht in der besten Verfassung befinden.

 

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