Ausbildung in der Nachkriegszeit: "Wie froh war ich, als ich meine erste Lohntüte in meinen Händen hielt"

02.09.2020

Mainpost 02.09.2020

Herlheim

Ausbildung in der Nachkriegszeit: "Wie froh war ich, als ich meine erste Lohntüte in meinen Händen hielt"

Vorwort: Nach einem zeitweise ungewöhnlichen Leben starb Erich Kempf Anfang Mai dieses Jahres im Alter von 86 Jahren. Seinen Kindern hinterließ er eine, oft bis ins kleinste Detail ausgearbeitete, autobiografische Beschreibung seines Werdegangs. So erlebte er in der Kindheit Krieg und Nationalsozialismus, erlernte den Beruf des Zimmermanns, wanderte später nach Australien aus und kehrte schließlich wieder nach Deutschland zurück. Auch ein guter Sportler war er. In mehreren Teilen berichtet unsere Autorin Brigitte Pfister von den Erinnerungen des Verstorbenen.

Im Jahr 1949 begann Erich Kempf bei der Zimmerei Hans und Melchior Eger in Gerolzhofen eine Ausbildung zum Zimmermann. Über die damaligen Anforderungen an einen Lehrling und die Erfahrungen während der Ausbildungszeit geht Erich Kempf in seiner Autobiografie ein.

Üblich bei der Arbeit sei damals ein Neun-Stunden-Tag gewesen, beschreibt es Kempf in seinen Aufzeichnungen. Auch samstags wurde gearbeitet, der "Hammer" fiel erst um 12 Uhr. Danach hieß es für Erich Kempf noch zwei Stunden Werkstatt aufräumen. Auch unter der Woche nach der Berufsschule musste er noch zwei Stunden im Betrieb antreten. Im ersten Jahr erhielt ein Lehrling 5,50 Mark pro Monat, im zweiten Jahr waren es 15,50 und im dritten Jahr 19,50 Mark. "Wie froh war ich, als ich meine erste Lohntüte in meinen Händen hielt", schreibt Erich Kempf dazu.

Der Auftrag: Vier Wohnblocks in Schweinfurt bauen

An eine Großbaustelle im zweiten Lehrjahr erinnert er sich genau. Seine Firma bekam einen großen Terminauftrag. In Schweinfurt sollten vier Wohnblocks mit je vier Etagen gebaut werden. Da damals wenig Bauholz zur Verfügung stand, musste der junge Erich zum Holzrücken in den Steigerwald und die Fichtenstämme wurden dann nach Gerolzhofen in ein Sägewerk gebracht. Dies bedeutete fast 80 Arbeitsstunden in dieser Woche. In den Wochen darauf legten die Zimmerleute dann jeden Tag ein Stockwerk mit Balken, die vorher natürlich zugesägt und abgebunden werden mussten. Transportiert wurden die Balken jeden Tag in aller Frühe mit einem Traktor mit Langholzwagen, auf dem auch die Arbeiter mitfuhren. Abends holte sie der Chef mit einem PKW ab, erinnert sich Kempf.  Dann hieß es, den Wagen für den nächsten Tag per Hand aufzuladen.

Nach dem Aufrichten der Häuser wurden auf den Fußböden die Dielenbretter verlegt. In diesen fünf Wochen fuhr Kempf mit seinem neu erworbenen, gebrauchten Rennrad jeden Tag nach Schweinfurt. "Die harte körperliche Arbeit und das tägliche Fahren mit dem Fahrrad war keine große Schwierigkeit für mich", schreibt Erich über seine Lehrzeit. Was ihn mehr störte, war der harsche Kasernenton seines Lehrherrn.

Eigenes Haus in Herlheim: Teil 1

Was dem Lehrling während der harten Lehrzeit zu Gute kam: Bereits als 13-Jähriger hatte Kempf erste Erfahrungen auf dem Bau gesammelt. Da das großväterliche Haus mit Familienangehörigen sowie Städtern und Flüchtlingen, die bei Bombenangriffen ihr Hab und Gut verloren hatten, sehr voll war, beschlossen seine Eltern 1946 ein eigenes Haus in Herlheim zu bauen. Das kam in dieser Zeit einem Abenteuer gleich. Einen Bauplatz erhielten sie von einer Verwandten seiner Mutter auf einem Felsenkeller, der teilweise mit Wasser gefüllt war. Dies hatte allerdings einen Vorteil: Das Wasser konnte direkt für den Bau verwendet werden.

Schwieriger war es Baumaterialien zu beschaffen. Sandsteine erhielt Erichs Vater August als Lohn, indem er hundert Tage in einem Steinbruch in Brünnau arbeitete. Diese Steine beförderte Opa Josef dann mit seinen Pferden nach Herlheim. Bretter, Gips, Zement und alles weitere Nötige wurden auf dem Tauschweg gegen Mehl, Schinken, Weizen oder Zuckerrübenschnaps erworben. Den Schnaps brannte der Bauherr selbst. Für den Keller wurden Fundamente der ehemaligen Personalbaracken des einstigen Flugplatzes westlich von Herlheim geholt und Sand wurde im nahen Hahnwald ausgegraben. Das Ausheben des Kellers war Handarbeit, mit Pickel und Schaufel, und der Aushub wurde mit dem Pferdewagen abgefahren. Was möglich war, leistete die Familie beim Bau natürlich selbst. So musste auch der 13-jährige Erich den Mörtel mischen, wenn sein Vater mauerte. Nach Fertigstellung des Hauses konnten dann die Eltern August und Justine sowie Erich und seine Schwester Inge einziehen. Im Jahr 1951 kam noch eine kleine Schwester, Anita, dazu.

Eigenes Haus in Herlheim: Teil 2

Als Erich 1961/62 zusammen mit seiner späteren Ehefrau Ida Seuffert ein eigenes Haus baute, war die Beschaffung von Baumaterialien schon lange kein Problem mehr. Ihren Bauplatz fanden sie am nordwestlichen Rand von Herlheim. Das Haus war das erste Gebäude der späteren Siedlung. Auch hier war sehr viel Eigenleistung angesagt. Ganz anders als heutzutage hatten sie dabei allerdings wenig maschinelle Hilfe, was harten körperlichen Einsatz bedeutete. So wurde der Beton, der für das Haus benötigt wurde, mit der Hand gemischt. Eine Fachfirma und gelernte Maurer zogen die Außenmauern hoch, die Innenmauern erstellten Erich und Ida selbst, ebenso wie die Einschalung aller drei Decken. "Für den ersten Stock baute ich mir eine Laufbahn aus den Sparren und Brettern und schaffte die ganzen Backsteine, Sand, Kalk und Zement mittels meiner Schubkarre nach oben", schreibt Erich hierzu.

 

Anpacken ist angesagt

Leichter wurde es bei der dritten Decke. Hier brachte der Bauunternehmer einen Aufzug für die Schubkarren mit. Den Dachstuhl richtete der gelernte Zimmermann natürlich, zusammen mit einem Kollegen, selbst auf. Die Ziegel wiederum trug Erich mit einer selbst gebauten Rückentrage auf die dritte Decke. Da es zu dieser Zeit in Herlheim weder zentrale Wasserversorgung noch eine Kanalisation gab, musste auch alles benötigte Wasser mit Kanistern auf die jeweilige Etage gebracht werden. Die Dreikammerklärgrube hob der Bauherr mit Pickel und Schaufel selbst aus und übernahm hier auch die Betonarbeiten. Ein Brunnen wurde durch eine Firma gebohrt.

Nachdem auch der Innenausbau mit viel Eigenleistung sowie die Einrichtung fertig war, wurde im November 1962 noch Hochzeit gefeiert. Nun konnte das junge Paar, Ida und Erich Kempf, endlich in ihr Haus einziehen, wobei die beiden gleich einen langen und harten Winter mit viel Schnee erlebten, wie Kempf in seinen Aufzeichnungen notiert hat.  Mit der Geburt von Klaudia (1964) und Bernd (1968) gab es dann auch noch familiären Zuwachs im Eigenheim der Kempfs.

 

Kaufmännischer Beruf

Das Berufsleben von Erich Kempf verlief nicht alltäglich. Nachdem der gelernte Zimmermann im Jahr 1953 ausgewandert und erst Anfang 1958 aus Australien zurückgekehrt war (wir berichteten), arbeitete er in seiner Heimat zunächst auf dem Bau. Dann orientierte er sich beruflich komplett um: Am 2. November des Jahres 1958  fing er als Angestellter der Raiffeisenbank Herlheim an. Neben dem hauptamtlichen Leiter der Bank, Johann Graf, war er für Büroarbeiten und den Warenbetrieb zuständig. Nach sieben Jahren wechselte er als kaufmännischer Angestellter, als Lohnrechner, zur Firma Kugelfischer nach Gerolzhofen, wo er bis zu seinem Ruhestand blieb.

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