Bruderkrieg mit Rauch und Donner

22.03.2016

Mainpost 22.03.2016
STAMMHEIM

Bruderkrieg mit Rauch und Donner

Der 150 Jahre zurückliegende Krieg von 1866, der auch in der Region ausgefochten wurde, war Thema des Museums für Militär- und Zeitgeschichte.
Wumm! Es donnert nur so durch die Luft, von allen Seiten Kanonenschläge, dazwischen knallen Gewehrsalven. Kampfgeschrei erfüllt die rauchgeschwängerte Luft.
Die grün Uniformierten stürmen auf die Soldaten im blauen Dress zu. „Mal sehen, ob die Preußen wenigstens hier in Stammheim geschlagen werden“, kommentiert Günter Weißenseel über die Lautsprecheranlage. Der Leiter des Museums für Militär- und Zeitgeschichte hat wieder Laiendarsteller aus dem gesamten Bundesgebiet an der Mainschleife versammelt, um den Besuchern des Museumsfrühlings ein paar anschauliche Geschichtsstunden zu geben.
Gewinnen muss in diesem Krieg keiner. Die Preußen fallen lachend ihren Kontrahenten vom Deutschen Bund in die Arme. Die Zuschauer klatschen, jetzt müssen sie sich ja auch nicht mehr die Ohren zuhalten.
Und doch weiß jeder: So endeten die Auseinandersetzungen 1866 nicht.

Der „Deutsche Krieg“, der zwischen dem deutsch-dänischen und dem deutsch-französischen Krieg als einer der drei deutschen Einigungskriege gilt, forderte rund 100 000 Todesopfer auf Seiten der Streitkräfte Preußens, Italiens und ihrer Alliierten auf der einen sowie den Mitgliedern des Deutschen Bundes auf der anderen Seite, darunter Bayern und Österreich. Ganz zu schweigen von den Verlusten der zivilen Bevölkerung, die bei Belagerungen vielerorts unter Seuchen zu leiden hatte.
 

„Wir machen das aus historischem Interesse, aber vor allem, um den Zuschauern einen lebendigen Eindruck zu vermitteln“, bringt Andreas Schrod auf den Punkt, was die rund 30 Darsteller antreibt, die für das Stammheimer Publikum an diesem Wochenende in die historischen Uniformen geschlüpft sind. Schrod ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Historische Uniformkunde, die es sich auf die sprichwörtlichen Fahnen geschrieben hat die Geschichte und Uniformierung sowie das zeitgeschichtliche Umfeld in den Einzelstaaten und überstaatlichen Organisationen im deutschen Kaiserreich zu erforschen und der Öffentlichkeit näherzubringen.
Mit dabei hat er seine Frau Bärbel, die als Schwester im Ornat des „Vaterländischen Frauenvereins“ in Stammheim unterwegs ist. Dieser heute nahezu vergessene Verein wurde 1866 von der preußischen Königin gegründet, nachdem sich die Verwundetenpflege im deutsch-dänischen Krieg als unzureichend erwiesen hatte. Zeitweise hatte der Verein mehr als 300 000 Mitglieder, ging aber 1937 im Roten Kreuz auf.

Das Ehepaar begeistert sich für Geschichte und deren szenische Darstellung. Nicht nur die Kleidung der beiden ist dabei authentisch. Sie ziehen an diesem Wochenende das einfache Zelt auf dem Museumsgelände trotz vorgerücktem Alters und nächtlicher Temperaturen um den Gefrierpunkt dem warmen Hotel- oder Pensionszimmer vor. „Die Soldaten mussten schließlich auch draußen schlafen“, sind sie sich einig.


In der Hand hält Andreas Schrod einen der Gründe, wieso die Preußen damals die Oberhand im Krieg von 1866 erhielten: ein Dreyse-Zündnadelgewehr 1841. Mit seinem Zylinderverschluss war der Hinterlader den Vorderladergewehren anderer Armeen, bei denen man viel länger brauchte, um sie zu laden, weit überlegen.

Das Jubiläum „150 Jahre Deutscher Krieg von 1866“ gerät in diesen Tagen etwas in Vergessenheit. Zu stark liegt der Fokus auf den politischen Veränderungen und den Aufgaben in Deutschland und der Europäischen Union. Wenn medial an historische Konflikte erinnert wird, dann meistens an den Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Dabei bestimmen die Folgen, die der Bruderkrieg von 1866 hatte, zum Teil noch heute unser Leben. Damals kämpften Soldaten von zum Teil benachbarten Staaten gegeneinander, was heute ein Scharmützel von Bundesland gegen Bundesland wäre. Nach der Niederlage Österreichs und seiner Verbündeten löste sich der Deutsche Bund auf. Der durch Preußen beherrschte Norddeutsche Bund wurde gegründet, die Vorstufe des Deutschen Reiches und damit des ersten deutschen Nationalstaates.

Wie es zum Krieg 1866 kam, wie er verlief und welche Uniformen, Waffen und weiteres Zubehör die Zeit prägten, ist in der Sonderausstellung im Obergeschoss der Museumshalle nachzuempfinden. Der Fokus liegt hier auf dem kriegerischen Geschehen 1866 in Mainfranken: Schließlich fanden hier auch nach der entscheidenden Schlacht gegen Österreich am 3. Juli 1866 bei Königgrätz in Böhmen noch weitere Kämpfe statt, etwa der Mainfeldzug am 26.

Juli 1866 in Uettingen bei Würzburg. Bilder von Denkmälern auf den Friedhöfen der main- und tauberfränkischen Region untermauern, dass der Bruderkrieg auch vor der Haustüre stattfand.
Bei all der historischen Bedeutung der Ereignisse von 1866 kam am Wochenende natürlich auch der Spaß nicht zu kurz: Beim traditionellen Panzerfahren in der Baugrube sprangen nicht nur Papas mit ihren Sprösslingen, sondern auch mancher preußische Soldat mit auf. Museumsleiter Weißenseel und seine Mannschaft haben ganze Arbeit geleistet und freuen sich bereits auf den Museumsfrühling 2017: „Dann wird unser Verein 20 Jahre alt, dann feiern wir uns mal selbst.“

 

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