Eine Mumie mit Herzschrittmacher

10.04.2006

Mainpost 10.4.2006

 

Eine Mumie mit Herzschrittmacher

 

Stammheim Kühl lächelt Erich Honecker von der Wand. Sein Porträt, im grauen Anzug vor blauem Hintergrund fotografiert, war in der früheren DDR allgegenwärtig. Heute hängt es im mit Roland Leicht besetzten Kassenhäuschen, das am Eingang zum Freigelände des Museums für Zeitgeschichte steht. Neben dem Bild des Staatsratsvorsitzenden hängt ein Schild: "Ab morgen wird hier Begrüßungsgeld ausgezahlt. Heute wird kassiert!"

 

Keine fünf Meter weiter plaudern beim Stammheimer Museumsfrühling am "Checkpoint Charlie" amerikanische Militärpolizisten angeregt mit Grenzern der DDR und adretten Soldatinnen der Nationalen Volksarmee (NVA). Ein russischer Generalmajor der Miliz fotografiert die Szene. Undenkbar in Zeiten des kalten Krieges.

Wie es in der Realität aussah zu der Zeit, da sich West und Ost in Europa nahezu unversöhnlich gegenüberstanden, davon erzählt beim Festakt Hanns Friedrich, der Kulturreferent des Landkreises Rhön-Grabfeld. Er schildert die gemischten Gefühle, die man hatte, wenn aus Richtung der Grenze wieder einmal die dumpfe Detonation einer Mine zu hören war. Er kennt das Gefühl, von den Augenpaaren der DDR-Grenzsoldaten durch Ferngläser vom Wachturm herab verfolgt zu werden, wenn man sich der Grenze nur näherte.

Er hat sie Jahrzehnte lang erlebt, die kleinen und großen Tragödien am eisernen Vorhang mitten durch die Republik. Etwa, als sich am 9. November 1989 nach der Ankündigung von Günther Schabowski, DDR-Bürger könnten ohne Visa in die Bundesrepublik reisen, wahre Trabi- und Wartburg-Fluten in Richtung Westen aufmachten und begeistert in der Rhön und im Grabfeld begrüßt wurden.

Die Liebe zum Trabant

In diesen bewegenden Tagen deutscher Geschichte begann auch die Liebe von Sascha Müller zum Ost-Volkswagen "Trabant". Kaum war die Grenze auf, sei er, damals noch Schüler, mit seinen Eltern in die DDR gefahren. "Man hat ja nicht viel vom Osten gewusst. Das war wie ein lebendes Museum", erzählt er. Und als er die Trabis sah, dachte er sich: "So ein Ding müsstest du auch mal haben."

Mittlerweile hatte er schon einige davon. Heute ist sein ganzer Stolz ein Trabant 601, Baujahr 1987, im typischen Trabi-Blau, mit blitzenden Chrom-Teilen und 26 PS. Der mittlerweile verstorbene Vorbesitzer aus Zittau hatte ihn 1974 bestellt. 1987 wurde der Zweitakter ausgeliefert.

"Er fährt sich wie ein Neuwagen", schwärmt der 31-jährige aus Maßbach. Hergeben würde er seinen "Duroplastbomber" nie. "Der Trabi ist einfach ein Stück Geschichte, er gehört zu unserem Deutschland dazu", meint Müller. Und weiter: "Selbst wenn ein Porsche daneben steht, du fällst auf mit dem Trabant".

Wie Müller gehört auch Enrico Hofmann zur "Trabant-IG Unterfranken". Ist Müller jedoch ein "Wessi", der den Trabi erst nach der Wende so richtig kennen lernte, ist Hofmann im sächsischen Riesa mit ihm aufgewachsen. Als er 1994 in die Rhön zog, schwor er sich: "Niemals mehr fahre ich Trabi." Heute denkt er ganz anders darüber: "Früher war er alltäglich, heute gibt es leider immer weniger davon"

Sein Trabant ist einer der letzten, die 1991 vom Band liefen. Baureihe 1.1, mit einer 40-PS-Maschine aus dem VW Polo. Ein Joint Venture, damals der letzte Versuch, den Trabant am Leben zu halten. Deshalb bekam der Trabant 1.1 auch den Spitznamen "Mumie mit Herzschrittmacher" verpasst. Die kann mit maximal 150 Kilometern pro Stunde ganz schön flott unterwegs sein. Ein Geschwindigkeitsrausch, den man sich laut Hofmann eher selten gönnen sollte. Schließlich sei das Getriebe zum West-Motor immer noch Original-DDR gewesen.

Anders als das Volk fuhr die politische Führung der DDR keine Trabis, sondern schicke Volvos. Drei Staatslimousinen hat ein Privatsammler aus Gotha mit nach Stammheim gebracht. Eine davon, erfährt man, sei eindeutig dem einstigen Vorsitzenden des Ministerrates, Willi Stoph, zuzuordnen, eine andere dem Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke.

In der Feldküche hat "Küchenbulle" Uwe Förstenberg mit seinem Team neben Erbseneintopf diesmal Soljanka gezaubert. Die Ostalgie macht auch vor der Gulaschkanone nicht Halt. 100 Portionen hat er für Samstag geplant, nicht wissend, wie das Angebot angenommen wird. Eine Stunde später ist Soljanka schon fast aus. "Morgen muss ich davon wohl etwas mehr machen", meint Förstenberg.

Den Menschen West schmeckt der Eintopf Ost. Ost und West - ein Denken, das auch 15 Jahre nach der deutschen Einheit noch nicht gänzlich aus den Köpfen verschwunden ist. Von der einstigen "perfektionierten Grenze" stehen nur noch einige Teile mit musealem Charakter. Dass sie sich manch einer hüben wie drüben gänzlich zurück wünscht, nennt Landrat Harald Leitherer "dusselige und dümmliche Diskussionen".

Die Freiheitsbewegung

Das Aufbegehren der Ostdeutschen gegen das SED-Regime und den Kommunismus bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig, so der Schirmherr der Veranstaltung, Unterfrankens Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer, stehe "in der Tradition der deutschen Freiheitsbewegungen" wie etwa der Revolution von 1848. Und Museumsleiter Günter Weissenseel meint: "Die politische Ideologie teilte die Nation, aber nicht das Volk."

Nach dem Festakt drückt auf dem Freigelände ein Brückenlegepanzer M48 einen nachgebauten Grenzzaun nieder und legt symbolisch eine Brücke der Verständigung darüber. "Es reicht aber nicht, eine Brücke zu bauen, wir müssen sie auch beschreiten und uns begegnen", mahnt Bürgermeister Horst Herbert.

Am Nachmittag heißt es dann: "Go, Trabi, go!" 13 Trabis, zwei Staatslimousinen und zwei "Barkas"-Kleinbusse machen sich im Konvoi auf zur Mainschleifen-Rundfahrt. Die "Rennpappen" knattern wieder durch Mainfranken, so wie damals als es noch das Begrüßungsgeld gab.

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