Er sah tiefes Rot und hell flackernde auflodernde Flammen

08.06.2020

Mainpost 08.06.2020

 

Herlheim

Er sah tiefes Rot und hell flackernde auflodernde Flammen

Im Alter von acht Jahren zog Erich Kempf im Jahr 1941 zu seinen Großeltern nach Herlheim. Hier, auf dem Bauernhof, musste er sich auch an der oft harten Arbeit beteiligen. Die vielfältigen Tätigkeiten in der Landwirtschaft im Jahresablauf beschrieb der kürzlich verstorbene Erich Kempf bis in kleinste Details in seiner Autobiografie. Besondere Freude bereitete dem Jugendlichen der Umgang mit den Pferden.

In Herlheim hatte er interessante und einprägsame, aber auch unschöne Kriegserlebnisse. Sehr faszinierend für den wissbegierigen Jungen war der Feldflugplatz Herleshof auf dem Gelände des Gutshofes des Grafen Schönborn zwischen Herlheim, Zeilitzheim und Kolitzheim. Hier waren Bomber stationiert, die auch Einsätze in Frankreich flogen und später bei der Abwehr britischer und amerikanischer Jagdbomber beteiligt waren, die Schweinfurt angriffen.

In Flugzeug geklettert

Im benachbarten Wald "Marienhain" gab es Baracken für das Personal und im Waldstück "Humpel" wurden in Bunkern die Bomben und Munition gelagert. Diese Bunker wurden am Ende des Krieges gesprengt, Betonreste sind dort noch heute zu finden.  Als er mit anderen Schülern in der Nähe des Fluggeländes Erbsen pflücken musste, beobachtete Erich Kempf das Geschehen auf dem Fluggelände genauestens, auch die Patrouillengänge des Wachpersonals. Dank der so erlangten Kenntnisse gelang es Erich, eines Abends mit einem Freund in eines der geparkten Flugzeuge zu klettern - für beide Jungs ein großes Abenteuer.

Während des Krieges wurden in Bunkern im Waldstück "Humpel" bei Herlheim Bomben und Munition gelagert. Bei Kriegsende wurden sie gesprengt. Noch heute sind die Betonreste der Bunker zu sehen. Foto: Brigitte Pfister

Auch Bombenangriffe auf Schweinfurt beobachtete der Junge. In einer Nacht im Sommer 1942 konnte er aus seinem im Norden des Dorfes gelegenen Wohnhaus das Geschehen beobachten. Er sah die suchenden Scheinwerferstrahlen der Flak und die feindlichen Flugzeuge, die in Wellen Richtung Schweinfurt flogen und dort ihre Bomben abwarfen.  "Es war ein gespenstischer Anblick," schreibt Erich Kempf. "Ich sah tiefes Rot und hell flackernde auflodernde Flammen." Auch Flugzeuge, "die gleich einer brennenden Fackel am nächtlichen Himmel abstürzten," beobachte er.

Soldaten am Fallschirm

Am nächsten Tag konnten Erich zusammen mit einem Begleiter im Wald zwischen Unterspiesheim und Schwebheim einen Blick auf eine abgeschossene Lancaster-Maschine werfen. "Beim Anblick des toten Heckschützen inmitten seiner Munition wurde mir bewusst, da sind ja auch Menschen beteiligt," so der damals Elfjährige.

Einen zweiten Angriff auf die Kugellagerstadt beobachtete Erich im Oktober 1944, als er gerade mit zwei Tanten bei der Rübenernte auf einem Feld nahe des Flugplatzes arbeitete. Die Bomberpulks näherten sich von Westen her Schweinfurt, die Flak schoss aus vollen Rohren und auf dem Flugplatz landeten und starteten die Jagdflugzeuge, um aufzutanken und die Munition zu ersetzen, beschreibt Kempf die Szenerie. Viele feindliche Flugzeuge wurden auch abgeschossen, und weiße Fallschirme erschienen am Himmel.

US-Amerikaner wird angespuckt

Auf der Heimfahrt mit seinem von zwei Pferden gezogenen Rübenfahrzeug landete ein Soldat per Fallschirm unweit seines Gespanns, weshalb er anhalten und die Pferde beruhigen musste. Der Amerikaner ergab sich mit erhobenen Händen den deutschen Soldaten, die mit einem Geländewagen vom Flugplatz angefahren kamen. Und am Eingang zum Dorf war ein weiterer Amerikaner gelandet, der von aufgebrachten Dorfbewohnern umlagert war, die ihn anspuckten.

Unvergessen für Erich war der 9. April 1945, als die Amerikaner von Zeilitzheim kommend in Herlheim einrückten.  Dabei gab es kaum Widerstand von Seiten der Bewohner, so dass das Dorf fast ohne Beschädigung davonkam. Berittene deutsche Soldaten flüchteten nach Osten und wurden von Tieffliegern beschossen. Mit ihren Gewehren im Anschlag liefen die amerikanischen Soldaten zunächst auf beiden Seiten des Dorfes hinunter, ehe sie mit den Panzern ins Dorf fuhren und sie neben den Häusern aufstellten. "Die Amis waren freundlich, es gab Kaugummi, den ersten in meinem Leben," so der damals knapp 13-Jährige.

Quartier im Wohnzimmer

Da die Amerikaner in Alitzheim auf Widerstand stießen, quartierten sie sich zwei Tage lang in Herlheim ein.  Die mittlerweile zahlreichen Bewohner im großväterlichen Haus mussten dieses solange räumen und in den Nebengebäuden schlafen. Auch das "Heiligtum" von Erichs Oma, das Wohnzimmer, nahmen die Soldaten in Beschlag. Ein "baumlanger" Soldat habe die kleine Oma einfach zur Seite geschoben, als sie es verteidigen wollte, erinnert sich Kempf.

Vor ihrem Einzug ins Haus wurde zunächst das gesamte Gebäude kontrolliert. Der junge Erich musste einen farbigen, mit einer Maschinenpistole bewaffneten Soldaten, durch alle Zimmer begleiten und dabei auch die Schränke öffnen. Zur Freude des "Kontrolleurs" stießen sie in einem Schrank auf einen versteckten Eierkorb. Aus dessen Inhalt und einem Schinken machten sich die Hausbesetzer wohl eine gute Mahlzeit. Dies waren aber auch die einzigen Dinge, die nach dem Auszug der Soldaten verschwunden waren.

Eine Familientragödie

"Für uns Buben waren das ereignisreiche Tage, keine Schule, ich sammelte Zigaretten, Kaugummi, auch Büchsen mit Fleisch und Wurst," so die Erinnerungen. Nachdem sie einen Teil von Alitzheim in Schutt und Asche gelegt hatten, zogen die Amerikaner in den Nachbarort weiter und die Familie konnte wieder in ihr Haus zurückkehren.  

Auf dem Bauernhof seiner Großeltern fühlte sich Erich Kempf auch während des Krieges sehr wohl. Anders als so manche Stadtkinder musste er keinen Hunger oder gar Bombardierungen erleiden. Ohne großes Leid gingen die Ereignisse allerdings auch an ihm und seiner Familie nicht vorbei: Alle drei Söhne seiner Großeltern kehrten nicht aus dem Krieg zurück.

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