Gernach: Bernhard Berchtold ist Landwirt aus Leidenschaft

29.03.2021

Mainpost 29.03.2021

Gernach

Gernach: Bernhard Berchtold ist Landwirt aus Leidenschaft

Er ist Bauer in zweiter Generation. Seit seiner Kindheit hat sich vieles verändert: Weniger Vielfalt, dafür mehr Technik und Bürokratie. Wie er den Wandel erlebt hat.

Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen 50 Jahren verändert. Die Situation für Landwirtinnen und Landwirte ist alles andere als einfach. Einige klagen über zu niedrige Verbraucherpreise, wodurch es kaum mehr möglich sei, rentabel zu arbeiten. Aber auch die Kritik an ihnen wird lauter. Dass sie "ohne Rücksicht auf Verluste" ihre Felder düngen würden, um den höchstmöglichen Ertrag zu erzielen und Fragen des Umweltschutzes dem unterordnen.

Diese Kritik kennt auch Bernhard Berchtold. Er ist Landwirtschaftsmeister in Gernach und bewirtschaftet rund 160 Hektar Land. Er gibt Einblick in die Probleme vergangener Jahrzehnte und die Herausforderungen vor denen er heute steht.

Wunsch nach Aussiedlerhof verwirklicht

Acht Personen lebten 1969 im Haushalt von Anita und Vinzenz Berchtold: die Eltern von Bernhard Berchtold, seine drei Brüder und die Großeltern väterlicherseits. Damals hat die Familie Berchtold noch Zuckerrüben, Mais, Getreide, Klee, Kartoffeln und Heu für die Kühe angebaut. Der elterliche Betrieb lag noch an der Hauptstraße in Gernach. Im Stall standen acht Kühe, fünf bis sechs Bullen und ein paar Zuchtsauen im Stall, bevor die Familie auf den Aussiedlerhof, den Berghof, umsiedelte.

Schon Mitte der sechziger Jahre hatten sich Anita und Vinzenz Berchtold entschieden, einen Aussiedlerhof zu bauen. 1965 bis 1971 fand in Gernach die Flurbereinigung statt. Bereits vor der Neuaufteilung der Flächen wurde durch den Grundstückstausch mit mehreren Landwirten sichergestellt, dass genügend Fläche für den geplanten Aussiedlerhof zur Verfügung stand. Um das umzusetzen, waren viele Kontakte zum damaligen "Flurbereinigungsamt" nötig, wie das Amt für ländliche Entwicklung damals noch hieß.

Als die Scheune brannte

Am 5. März 1969 brannte die Scheune. Ein schlimmes Erlebnis für die ganze Familie. Bis auf den Schlepper und einige Hühner konnte alles Vieh gerettet werden. "Mit der Scheune wurden auch die Vorräte an Heu und Stroh verbrannt", erzählt der Landwirt. Doch die Dorfgemeinschaft unterstützt die Familie tatkräftig: "Viele Bauern halfen uns mit Futter, Stroh und Heu aus."

Dazu kam, dass der Baubeginn des Aussiedlerhofs bevorstand. Baubeginn war im Mai 1969. "Alle Materialien wie Steine, Sand oder Zement hat mein Vater mit Traktor und Anhänger zur Baustelle gefahren. Weil es an der Baustelle keinen Strom gab, wurde der Beton mit einem einfachen Betonmischer gemischt."

Bei dem Bau halfen auch viele Gernacher mit, erinnert sich Berchtold: "Josef Hofstetter, damals schon Rentner, war jeden Tag auf der Baustelle. Er befüllte die Mörtelmaschine und brachte sie immer wieder zum Laufen. Meine Mutter hatte den Haushalt zu bewältigen und uns bei den Schulaufgaben betreut. Erst viel später konnte ich ermessen, wie groß die Leistung war, die unsere Eltern damals erbracht haben."

Neuanfang am Berghof

Im Dezember waren die Ställe bezugsfertig. An Silvester wurde auf dem Berghof das erste junge Schwein geboren. Im Januar zog die Familie in das neue Haus am Berghof. "Mit Zentralheizung und Toilette im Haus und dafür nicht über den Hof zu gehen – das waren sehr angenehme Veränderungen", erinnert sich Bernhard Berchtold.

Mit dem Umzug auf den Berghof gingen auch einschneidende Veränderungen im Betrieb einher. Man verabschiedete sich von der gemischten Viehhaltung und stellte ausschließlich auf Schweinehaltung um. Diese Umstellung hatte die Flurbereinigungsbehörde nahegelegt, denn mit 16 Hektar Land hätte  eine andere Lösung keine wirtschaftlich vertretbare Zukunftsaussicht geboten.

"Ein bisschen blutete meinem Vater schon das Herz, war er doch ein guter Viehhalter, hatte gute Zuchterfolge bei den Bullen und den Schweinen", so der Landwirt. Mit 40 Muttersauen und 100 Mastschweinen hatte man begonnen, damals war das schon eine ansehnliche Stückzahl. Ein größerer Traktor mit 54 PS wurde gekauft, sowie ein weiterer kleiner Schlepper, als Ersatz für den in der Scheune verbrannten.

Generationenwechsel in den 80ern 

Bernhard Berchtold hatte seine Lehre als Landmaschinenmechaniker erfolgreich abgeschlossen, leistete seine Wehrpflicht und absolvierte dann eine landwirtschaftliche Lehre. Daran schloss sich der Besuch der Landwirtschaftsschule in Schweinfurt an, die er als staatlich geprüfter Landwirt erfolgreich abschloss. Mit 25 Jahren legt er die Meisterprüfung zum Landwirtschaftsmeister ab. 1984 übernimmt er gemeinsam mit seiner Frau Gabi den Betrieb des Vaters.

Sein Vater Vinzenz war zu dieser Zeit erst 58 Jahre alt. Eigentlich recht früh, um einen Betrieb zu übergeben, zumal er noch keine Rente bezog. Der Grund für die frühe Übergabe: "Wenn jemand den Betrieb weiterführen will, dann soll er das so machen können, wie er will", erinnert sich Berchtold an die Worte seines Vaters.

Um zusätzliche Einkünfte zu erzielen, ging der Junior-Chef weiteren Beschäftigungen nach: Er war beim Maschinenring tätig und arbeitete im Bürgerwald Gerolzhofen-Dingolshausen. Sein Ziel war es, die Betriebsfläche zu vergrößern, um längerfristig eine wirtschaftliche Zukunft zu haben. 1992 stockte er die Schwein-Haltung auf 250 Mastschweine und 60 Mutterschweine auf, dafür wurde der bestehende Mastschweinestall erweitert.

2000er: Mehr Bürokratie

"In den achtziger und neunziger Jahren hatten wir relativ freie Hand in der Landwirtschaft. Wir bekamen gute fachliche Unterstützung vom Amt für Landwirtschaft. Um das Jahr 2000 ging es los mit den Betriebsprämien. Ab da lief vieles aus dem Ruder. Wir hängen am Tropf der EU und das ist kein gutes Gefühl. Man arbeitet das ganze Jahr über und erlebt, dass man von seiner Hände Arbeit nicht leben kann", erinnert sich Berchtold.

Was das bedeutet, macht der Bauer an einem Beispiel deutlich: "1970 wurden für den Doppelzentner Getreide umgerechnet 25 Euro bezahlt. Aktuell liegt der Preis bei 20 Euro. Für den Doppelzentner Zuckerrüben lag 1970 der Preis noch bei sechs Euro, zur Zeit liegt er bei drei Euro."

Halte man die gestiegenen Kosten für Maschinen, Betriebsmittel oder Düngemittel dagegen, so zeige sich, dass mit den Flächengrößen, die in unserer Gegend gegeben sind, ohne Zuschüsse nicht wirtschaftlich zu arbeiten sei, erklärt der Landwirt.

Der Einblick in die Abläufe des Landwirtschaftsbetriebes zeigt, dass Landwirtinnen und Landwirte Allrounder heutzutage sind: Sie müssen etwas von Maschinen verstehen und genau planen, wann man wie viel düngen kann. Sie müssen sich mit Buchhaltung auskennen und mit der Geburtshilfe. 

Gabi und Bernhard Berchtold haben sich die Arbeit aufgeteilt. Sie ist für die Buchhaltung und das Büro zuständig und als "Fahrbereitschaft" im Einsatz, wenn etwa in der Hochsaison ein benötigtes Ersatzteil abgeholt werden muss. "Wir sind ein eingespieltes Team, sonst würde der Betrieb nicht funktionieren", da sind sich die beiden einig.

"Wir sind ein eingespieltes Team, sonst würde der Betrieb nicht funktionieren"

Gabi und Bernhard Berchtold

Immer wieder sieht sich die Landwirtschaft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass zu viel gedüngt werde. Am Hof der Berchtolds wurde stets nach den Vorgaben des Amtes für Landwirtschaft gedüngt. Trotzdem wurden sie jetzt mit einer Mitteilung der Behörde konfrontiert, dass an manchen Flächen zu viel Nitrat (rote Gebiete) vorhanden ist. In den "roten Gebieten" dürfen aber nur 80 Prozent des Düngers ausgebracht werden, den die Pflanzen für gutes Wachstum bräuchten. Deswegen muss jedes Jahr eine Dünger-Bedarfsermittlung erstellt werden. In diesem Jahr umfasst diese 54 Seiten. Wünschenswert wäre, dass nicht "eine Vorschrift die andere jagt", so der Landwirt.

Tendenz zu Monokultur steigt

Auch für die Verwendung des Pestizids Glyphosat, das zur Bekämpfung von Unkraut eingesetzt wird, werden die Bauern heftig kritisiert. Dabei werde aber übersehen, dass die meisten Landwirte Glyphosat nur in äußerst geringen Mengen verwenden, sagt Landwirt Berchtold. Ein Detail, das vielen dabei nicht bekannt sei: Die Insektenbekämpfungsmittel werden erst dann ausgebracht, wenn die Bienen schon in ihre Stöcke zurückgekehrt sind.

Viel Aufmerksamkeit hatte das Volksbegehren "Rettet die Bienen" erregt. Die Folge: Verschiedene Pflanzenschutzmittel, die Neonikotinoide in der Beize für das Saatgut enthalten, dürfen nicht mehr verwendet werden. Damit werde aber unter anderem der Raps- und Zuckerrübenanbau unrentabel, so Berchtold. Denn ohne die Verwendung von gebeiztem Saatgut werde es um ein Vielfaches schwieriger, den Raps gegen Erdflöhe und Läuse zu schützen. Eine Konsequenz: der Umstieg auf den Maisanbau.

Damit verstärke sich die Tendenz zu Monokulturen und den Bienen würden die Rapsblüten als Nahrungsmittel und als "Honigernte" fehlen, so der Landwirt. Problematisch sei aus Sicht der konventionellen Landwirtschaft auch, dass Biolandwirte die Ackerflächen mehrfach bearbeiten würden, um Unkraut zu beseitigen. Dadurch würden Vogelnester beseitigt und es bestünde die Gefahr, dass Vögel und andere Tiere durch die Bearbeitung gefährdet seien, sagt Berchtold.

Eine Bitte hat Landwirt Bernhard Berchtold an die Frauen und Männer, die der Landwirtschaft kritisch gegenüberstehen: "Redet mit uns Landwirten, nicht über uns. So bekommen sie Informationen aus erster Hand und es entsteht hoffentlich mehr Verständnis dafür, warum wir so handeln, wie wir handeln. So lässt sich sicher manches Vorurteil auflösen."

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