Kakerlaken machen sich im Dorf breit

14.06.2007

Mainpost 14.6.2007

 

Kakerlaken machen sich im Dorf breit

 

Ihre große Zeit beginnt nach Mitternacht. Besonders dann, wenn es draußen feucht und warm ist. Dann kommen sie in hellen Scharen aus ihren Verstecken, kriechen die Wände hoch, dringen durch jeden noch so kleinen Ritz an Fenstern und Türen in die Häuser ein, um sich dort neue Verstecke und neue Nahrung zu suchen.

 

Sie sind Allesfresser, kommen aber auch wochenlang mit wenig Nahrung aus. Auszurotten sind die Kakerlaken kaum, wenn sie einmal da sind – weder mit der chemischen Keule, noch mit dem Flammenwerfer noch durch mechanisches Totschlagen. Und vor allem dann nicht, wenn das nur punktuell geschieht.

Davon wissen die Herlheimer, die im Altort wohnen, seit Jahren ein Lied zu singen. Kakerlaken im Haus zu haben, ist peinlich. Es erweckt den Anschein des Unhygienischen. Und doch kann niemand etwas dafür, wenn er massenhaft Besuch von den unappetitlichen Tierchen bekommt.

Die Familien Seitz und Rippstein sind jetzt an die Öffentlichkeit gegangen. 15 Jahre ist es her, dass sie erste Bekanntschaft mit den Kakerlaken gemacht haben. „Zuerst dachten wir, das sind Grillen“, erinnert sich Thomas Rippstein. Doch dann hat Rippstein ein totes Exemplar mit einer Abbildung in einem Tierbuch verglichen und festgestellt, dass es sich bei seinen Besuchern um Kakerlaken handelt.

Übel an der Wurzel packen

Viel Geld und Einfallsreichtum haben die beiden Familien bisher investiert, um der Tiere Herr zu werden. Geholfen hat das alles nicht. Denn beide Familien sind sich einig, dass das Übel bisher nicht an der Wurzel gepackt wurde. Die Wurzel, das sind für die Rippsteins und Seitzens drei bis vier Schweineställe im Altort. Aus denen wandert nach Erkenntnis der Nachbarn in der warmen Jahreszeit ununterbrochen Kakerlaken-Nachschub aus.

Im Schweinestall hat die Gemeine Küchenschabe, wie die Kakerlake auch heißt, den besten Nährboden, denn dort liegt geschrotetes Getreide, das aber nicht nur für die Borstentiere, sondern auch für die Schaben ein gefundenes Fressen ist.

Beim Gesundheitsamt und beim Veterinäramt waren die Herlheimer schon. Doch da wurde ihnen gesagt, dass weder Lebensmittel noch Nutztiere im Spiel sind und dass staatliche Hilfe nicht zu erwarten sei. Das bestätigt Thorsten Wozniak, Pressesprecher am Landratsamt, dem auch das Gesundheitsamt angegliedert ist. Die Behörde könne nur – wenn nötig, auch vor Ort – beraten, wie die Schädlingsbekämpfung am besten anzugehen sei. Übernehmen müssten diese aber die Hausbesitzer selbst. Die Herlheimer, so Wozniak, haben das Amt nur ein einziges Mal kontaktiert.

Dorffriede wichtig

Die Heimgesuchten indes wollen niemanden persönlich für die Verschlechterung ihrer Lebensqualität verantwortlich machen, sind für die Wahrung des Dorffriedens und erkennen den Bestandsschutz der Bauern an. Das einzige, was sie wollen, ist ein gemeinsames Vorgehen gegen die Massenplage. Dazu gehört für Paula Rippstein erst einmal die Überwindung der Schamschwelle: „Die Leute wollen nicht drüber reden, Kakerlaken im Haus sind nun mal kein Aushängeschild.“ Auch die Landwirte gehen in ihren Augen unterschiedlich intensiv gegen die Tiere vor.

Bei der starken Vermehrungsfähigkeit der Kakerlake – ein Weibchen legt bis zu 1000 Eier – kann nur ein konzertierter Ausrottungsplan helfen. Das meint auch Bürgermeister Horst Herbert. Die Herlheimer müssten hier zusammenhalten, denn in anderen Kolitzheimer Ortsteilen, wie etwa Unterspiesheim, seien die Bürger der Plage auch schon Herr geworden. Im öffentlichen Bereich wie im Kindergarten oder in der Kanalisation habe die Gemeinde ihre Aufgabe bei der Bekämpfung erfüllt.

Heuer begann die Plage schon im warmen April. Die nächtliche Lage nimmt zuweilen groteske Züge an, wenn der Nachbar bei der verzweifelten Kakerlaken-Jagd beobachtet wird. „Das ist zu unserem Nacht-sport geworden“, sagt Paula Rippstein. Für ihren Mann indes sind die Schaben nicht nur unappetitlich, sondern auch Krankheitsüberträger. „Wenn ich nachts das Haus betrete, schaue ich immer auf den Boden, ob nicht 20 oder 30 Tierchen mit hinein marschieren.“ Im Haus traut sich Rippstein die Eindringlinge nicht zu zertreten – aus Angst vor Krankheitskeimen.

So haben die beiden Familien ihre Fenster mit engmaschigen Fliegengittern abgedichtet und wagen es nicht, sie jetzt in den lauen Sommernächten zu öffnen. Denn auch auf Höhe des ersten Stocks sind die munteren, nachtaktiven Schaben schon herumgekrabbelt. Sie wandern trotz aller Schutzmaßnahmen in Keller und Flur und nisten unter Haustürschwellen und Blumentöpfen.

Die Betroffenen bedrückt vor allem, dass sie jetzt im Sommer ständig mit den Kakerlaken leben müssen. „Wenn ein Urlauber in seinem Zimmer fünf bis zehn Kakerlaken findet, mindert sich der Reisepreis schon um fünf Prozent, uns jedoch hilft keiner“, weist Hildegard Seitz auf Gerichtsurteile hin.

Desinfektor kommt

Einer aber will helfen. Der örtliche Gemeinderat Franz Schuster hat auf Kosten der CSU den Gerolzhöfer Desinfektor Werner Kopp eingeladen, der bereits in anderen Orten erfolgreich im Kakerlaken-Kampf war. Kopp kommt heute, Donnerstag, 14. Juni, um 19.30 Uhr zum CSU-Stammtisch ins Herlheimer Sportheim. Er wird den Herlheimern, wie er auf Anfrage sagt, Tipps zur gezielten Bekämpfung geben und dabei vor allem von der Chemie abraten. „Die bringt Gifte auf den Markt, die in einem Haushalt wirklich nichts zu suchen haben.“

„Hoffentlich kommen möglichst viele, um sich das anzuhören“, wünschen sich die Rippsteins und die Seitzens.

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